Episode 1: 057. Sacrifice – Opfer

Ziellos zog er durch die nebligen, verlassenen Straßen, vorbei an dunklen Schaufenstern und schwach beleuchteten Hauseingängen. Nur noch ein sehr schwacher Lichtschein war am Horizont zu erkennen, die Nacht hielt gerade Einzug. In wenigen Minuten würde die Sonne komplett verschwunden sein und nichts als dunkle Nacht über der Stadt hinterlassen. Lediglich ein paar Straßenlaternen sowie Mond und Sterne würden den Menschen den Weg weisen.

Doch er benötigte das alles nicht. Die Dunkelheit war seit Jahrhunderten sein Zuhause, seit mehr als zweihundert Jahren hatte er die Sonne nicht mehr gesehen. Sie würde ihn sofort verbrennen, würde er auch nur einen einzigen Schritt ins grelle Tageslicht setzen. Er hielt sich ohnehin lieber im Dunkeln auf, da die Menschen in diesigem Licht nicht sofort erkannten, was er war.

Während die Menschen sich ihren abendlichen Aktivitäten hingaben, um sich von ihrem Arbeitstag zu erholen und irgendwann später Ruhe und Schlaf zu finden, war er gerade erst aufgestanden. Die Nacht hatte begonnen und die Wesen, von denen die Menschheit dachten, sie seien nur Produkte ihrer Fantasien und Legenden, krochen aus ihren Verstecken und bevölkerten die Straßen. Mysteriöse Gestalten, Wesen der Nacht, irrten umher. Sie allesamt waren auf der Suche.

Auf der Suche nach der einzigen Sache, die ihnen Befriedigung geben konnte.

Auch er war einer von ihnen und er lechzte nach der roten Flüssigkeit, die diesen Hunger stillen würde, den er so machtvoll verspürte, seit er aus seinem Bett gekrochen war.

Vereinzelt schwirrten noch ein paar Menschen auf den Straßen umher. Sie wussten nicht, dass es diese Kreaturen tatsächlich gab, aber jeden Abend, wenn sie im Dunkeln unterwegs waren, beschlich sie ein seltsames Gefühl, das sie auf direktem Wege nach Hause führte – in die vermeintliche Sicherheit.

Ein trockenes Lachen entfuhr ihm, als er darüber nachdachte. Glaubten diese dämlichen, kleinen Menschen wirklich, verschlossene Türen würden jemanden wie ihn aufhalten können? Oh, sie wussten ja nicht, mit wem sie es zu tun bekamen.

Er wandelte weiter durch die Straßen, wartete darauf, dass sich auch der letzte helle Schein am Horizont verzog, ehe er sich auf ein Opfer fixierte.

Gerade war er um eine dunkle Ecke gebogen, als er sie erblickte. Eine junge Frau, gerade zweiundzwanzig geworden, wie er ihren Gedanken entnehmen konnte, stieg aus einem Taxi und war auf dem Heimweg. Er schärfte seine Sicht und scannte ihre Erscheinung. Sie war hübsch, hatte blondes Haar und ihre Kurven saßen an den richtigen Stellen. Genau das, was er jetzt brauchte.

Ein Zucken durchfuhr das Mädchen, kurz bevor sie sich umdrehte und ihn erspähte. Das Grinsen, das auf seinem Gesicht lag, war ein mörderisches, doch in ihren Augen wirkte es beruhigend. Sein falsches sympathisches Auftreten vernebelte ihre Sinne und sie lächelte zurück. Es war beinahe schon zu einfach für ihn, aber trotz allem liebte er dieses Spiel.

Nachdem er die wenigen Schritte zu seinem Opfer zurückgelegt hatte und direkt neben ihr zum Stehen gekommen war, nahm er die Hände aus den Jackentaschen und rückte seinen Kragen zurecht. Dabei sah er ihr direkt in die Augen und setzte ihren Willen außer Kraft. Er machte sie gefügig, machte sie bereit, sich ihm hingeben zu wollen.

Den Blick auf ihren Hals werfend spürte er unter der weißen Haut das Blut pulsieren, nach dem er so sehr begehrte. Oh, er war seinem Ziel so nah und sie gleichsam dem Tod.

Die junge Frau wusste nicht, wie um sie geschah, doch ohne Widerworte folgte sie dem Vampir in die düstere Gasse. Bereitwillig öffnete sie ihren Mantel und warf ihre blonden Haare nach hinten, sodass ihr Hals frei für ihn dalag, während sie an einer Hauswand lehnte und darauf wartete, von ihm berührt zu werden.

Er griff nach ihren Händen und hielt diese über ihrem Kopf, drückte sie gleichzeitig mit ihrem Körper fest gegen die Hauswand. Er hielt sie zwischen sich und der Wand gefangen, sie konnte ihm nicht mehr entkommen.

Tief atmete er den betörenden Duft ihres Blutes ein, das ihm durch ihre unmittelbare Nähe direkt in die Nase stieg. Es machte ihn rasend und der Wunsch, seine Fangzähne in ihrer Haut zu versenken, stieg ins Unermessliche. Gott, wie sehr er diesen Augenblick jedes Mal liebte.

Mit seinen Lippen kostete er die Haut des Mädchens, strich behutsam über Hals und Nacken, voller Vorfreude, gleich den dickflüssigen Saft in seinen Mund fließen und gleich darauf seine Kehle herunter gleiten zu spüren.

Voller Vorfreude ließ er ein paar Minuten verstreichen, genoss ihr Stöhnen und verschaffte ihr eine letzte Befriedigung, ehe er seiner eigenen entgegen reiten wollte. Das leichte Kratzen seiner Zähne, die über ihren Hals glitten, machte sie rasend vor Lust. Doch sie ahnte nicht, dass sie dies zum letzten Mal verspüren würde.

Er spürte, wie seine Augen sich verfinsterten und seine Zähne immer länger wurden.

Dann biss er zu.

Episode 2

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