Episode 5: 012. Insanity – Wahnsinn

»Seit dem letzten Mal ist eine Weile vergangen.« Will ignorierte die trockene Bemerkung der Blondine mit der strengen Frisur, deren Büro er gerade betreten hatte. Mit hochgezogener Augenbraue betrachtete sie ihn, während er zielstrebig auf das Sofa zusteuerte, welches mitten im Raum stand.

»Ich weiß. Ich hatte … zu tun«, murmelte er, zögerte aber, ehe er auf der braunen Ledercouch platznahm. Es kostete ihn noch immer Überwindung, selbst nach all den Jahren, die er schon hierher kam. Auch wenn seine Besuche unregelmäßiger Natur waren. »Trotzdem danke, dass Sie extra wegen mir Überstunden machen.«

»Keine Ursache. Sie haben ja dieses … Problem.« Sie räusperte sich und schielte ihn über die schmale Brille auf ihrer Nase an, bevor sie sich hinter ihren Schreibtisch setzte.

»Glauben Sie mir, ich würde auch viel lieber tagsüber herumlaufen können, allerdings … die Vampir-Sache. Sie wissen schon.«

»Das ist mir in der Tat bewusst. Ich kann mich noch gut an Ihre eindrucksvolle Demonstration erinnern.« Auf einmal wirkte sie ein wenig ängstlich, wo sie vorher noch die Ruhe selbst gewesen war. Allerdings musste Will zugeben, dass er leicht übertrieben hatte, als er ihr beweisen wollte, tatsächlich ein Wesen der Nacht zu sein und kein Spinner, wie sie ihm zunächst hatte weismachen wollen. Mittlerweile hatte sie sich zwar an den Gedanken gewöhnt und auch akzeptiert, dass er kein Mensch war. Dennoch merkte man ihr an, wie ihr ein wenig mulmig zumute wurde, wenn sie daran dachte oder sich daran erinnerte. Jedoch gab sie sich die größte Mühe, es nicht zu zeigen – auch wenn diese Anstrengungen bei Will sinnlos waren, da er die Angst eines Menschen riechen konnte.

»Es tut mir leid«, gab er ehrlich zu und lümmelte sich auf das Sofa. Er beobachtete sie eine Weile, während sie in seiner Akte blätterte. Sie wirkte hochkonzentriert, als sie sich erste Notizen zur heutigen Sitzung machte und schließlich wieder aufblickte.

»Weshalb sind Sie heute hier, Will?« Sie lehnte sich in ihrem Stuhl zurück und nahm ihren Block zur Hand. Fragend blickte sie in seine Richtung und wartete. Ihren Bleistift hielt sie in der rechten Hand, bereit, ihre Beobachtungen aufzuschreiben.

»Einsamkeit?« Wieso er dieses eine Wort wie eine Frage klingen ließ, konnte er nicht sagen. Dabei war es jedes Mal dasselbe. Er kam zu ihr in die Praxis, klagte ihr sein Leid, sie gab ihm ein paar von ihren Psycho-Ratschlägen und danach mischte er sich wieder unter die vielen Menschen in New York. »Ich weiß es nicht«, fuhr er fort, während ihr Stift über das Papier flog.

»Wie ist es Ihnen in den letzten sieben Monaten ergangen?«, fragte sie und hob ihren Blick. Ihre Augen bohrten sich in dieser Art und Weise in seine eigenen, wie er es nur bei seiner Psychologin gesehen hatte.

Er wusste, dass ein Therapieerfolg in ihren Augen beinahe unmöglich war, wenn er sich nur ab und zu in ihrer Praxis blicken ließ. Will selbst glaubte erst recht nicht daran, dass die Blondine ihm würde helfen können. Sie war ihm empfohlen worden und dass sie ihn immer noch behandelte, obwohl sie von seinem »Geheimnis« wusste, sprach eindeutig für sie. Aber ein Mensch konnte einem Vampir wie ihm nicht helfen.

Niemand konnte das, nicht einmal er selbst.

Warum er trotzdem weiterhin herkam, war ihm ein Rätsel. Vielleicht war der Besuch bei dieser Psychologin so etwas wie ein unregelmäßig wiederkehrendes Ritual in seinem von allen Regeln losgelösten Leben. Wie ein Ertrinkender klammerte er sich daran, um nicht den letzten Halt in dieser sich immer schneller drehenden Welt zu verlieren.

»Wie ist es mir ergangen?«, wiederholte er langsam und bedächtig ihre Frage. »Wie immer, denke ich.« Er seufzte leise und hob seinen Brustkorb unter einem schweren Atemzug. Ein letztes Überbleibsel menschlicher Gewohnheiten, die er sich bewahrt hatte.

»Sie haben gesagt, dass Sie sich einsam fühlen.« Die Brille der Psychologin rutschte ein Stück von ihrer Nase und sie schob das Gestell energisch wieder nach oben. Es war einer ihrer Spleens, wie Will es schon oft bei seinen Besuchen beobachtet hatte. Scheinbar klammerten sich nicht nur Vampire an Dinge, auch wenn es nur Kleinigkeiten waren. »Wir haben nie über soziale Kontakte gesprochen, Freunde. Haben Sie Freunde, Will? Oder …«, sie zögerte, »eine Freundin vielleicht?«

Fast hätte er gelacht, so absurd war ihre Frage. »Ich bin zweihundertneunzehn Jahre alt, die meisten Frauen stehen auf deutlich jüngere Kerle. Und selbst wenn sie das nicht abschrecken würde, könnten sie sich eventuell davor fürchten, dass ich den ständigen Drang verspüre, ihr Blut zu trinken.« Die Psychologin wurde blass. All das Blut, von dem Will gerade noch gesprochen hatte, wich aus ihren Wangen. »Sie brauchen keine Angst haben«, sagte er sanfter. »Ich habe das unter Kontrolle.«

»Will«, räusperte sie sich, um sich zu sammeln, »Sie müssen die anderen Menschen – oder in ihrem Fall auch die Vampire – an sich heran lassen, sonst werden Sie immer einsam sein. Nicht jede Frau ist … oberflächlich.« Mit einem Lächeln fügte sie hinzu: »Und Sie haben sich für Ihre zweihundertneunzehn Jahre erstaunlich gut gehalten.«

»War das ein Angebot?«, erwiderte Will amüsiert. »Ich kenne da eine tolle Schlachterei, die ich gerne mit meinen Dates besuche.«

»Sie sollen sich nicht über mich lustig machen!«, konterte sie streng. »Ich hoffe jedenfalls, dass das gerade ein Scherz war.«

»Natürlich war es das.«

»Okay, Sie sind einsam.« Bei diesen Worten sah Will, wie sie sich ein paar eilige Notizen machte. »Ich möchte, dass wir gemeinsam eine Strategie festlegen, wie Sie diesen Umstand ändern können.«

Will betrachtete sie mit kritisch hochgezogener Augenbraue. »Ich bin kein Muttersöhnchen, das noch bei Mama wohnt und zu schüchtern ist, Frauen anzusprechen. Bei mir liegt das Problem-«

»Ja, ich weiß«, unterbrach sie ihn. »Ihr Problem ist anders gelagert, aber trotzdem werden wir an einer Lösung arbeiten. Ich sehe bei Ihnen manisch-depressive Tendenzen, Will. Ich nehme nicht an, dass übliche Antidepressiva bei einem Vampir wirken?« Ihre letzte Aussage klang mehr wie eine Frage und Will nickte zur Antwort kurz.

»Nein, mit Psychopillen werden wir bei mir nicht weit kommen.« Er dachte über ihren Vorschlag nach. »Und was soll ich tun? Was ist die Strategie, um nicht mehr diese Leere zu fühlen, die ich seit meiner Verwandlung spüre?«

»Eine solche zu erarbeiten, erfordert Geduld. Sie können nicht erwarten, dass ich Ihnen ein Patentrezept vorstelle, mit dem sich Ihre Sorgen sofort in Luft auflösen.« Sie sah ihn über ihre Brille hinweg an. »Erzählen Sie mir lieber von den jüngsten Ereignissen in Ihrem Leben.«

»Mein Leben ist schon lange vorbei.«

Sie verdrehte die Augen. »Wäre es Ihnen lieber, wenn ich von Existenz rede?« Will nickte. »Erzählen Sie mir davon.«

Er saß ruhig auf dem Sofa, während ihm die Begegnung mit dieser Frau einfiel. Es war ein paar Wochen her, doch noch immer sah er ihre Erscheinung klar vor sich. Wie ihre blonden Haare im Wind geflogen waren, als sie sich umgedreht hatte … Ihre eisblauen Augen, welche ihn weiterhin gefangen hielten. Doch das Schicksal hatte böse mit ihm gespielt, sein Blutdurst hatte ihn in die Flucht getrieben.

Er kniff die Augen zusammen und versuchte auf diese Weise, die Erinnerung zu vertreiben.

»Will?« Am Rande nahm er die Stimme seiner Psychologin wahr. Sie klang nervös. »Ist alles in Ordnung mit Ihnen?«

»Es ist alles wie immer.« Ein Schnauben entfuhr ihm, ohne dass er es kontrollieren konnte.

Nach alter Manier schielte sie ihn erneut über ihre Brille an und ließ daraufhin ihren Stift abermals über das Papier gleiten. »Was quält Sie, Will? Ich sehe Ihnen an, dass Sie mir etwas verheimlichen.« Natürlich tat sie das. Es war ihr Beruf, so etwas zu erkennen.

Nach kurzem Zögern brachte Will schließlich die Wahrheit heraus. Er erzählte ihr von dieser Frau, die ihm seit Wochen nicht mehr aus dem Kopf ging und dass er beinahe jede Nacht ein paar Stunden an dem Ort verbrachte, wo er ihr begegnet war.

»Haben Sie sie wiedergesehen?«, fragte sie und urplötzlich war es still im Raum. So still, dass man eine Stecknadel hätte fallen hören können. Lediglich die ruhigen Atemzüge der Psychologin unterbrachen die absolute Ruhe. Will selber hatte aufgehört zu atmen.

»Ja«, berichtete er. Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern und er wusste nicht, ob sie für menschliche Ohren überhaupt wahrnehmbar gewesen war. Aber mehr hatte er nicht zustande gebracht. »Ich sehe sie jede Nacht«, gestand er ihr, während sie ihn mit großen Augen ansah. Der Stift in ihrer rechten Hand hing in der Luft, als hätte sie diesen vollkommen vergessen.

Jeden Abend, wenn er an dem Flussufer spazieren ging, begegnete er dieser Frau auf ihrem Heimweg, wie er mittlerweile herausbekommen hatte. Doch angesprochen hatte er sie nie. Er war immer im Verborgenen geblieben. Sie wusste wahrscheinlich nicht einmal, dass er existierte.

»Wie lange schon?«, fragte sie, nachdem sie sich gesammelt hatte und rutschte unruhig auf ihrem Stuhl hin und her.

»Seit einigen Wochen«, gestand er. »Hören Sie, ich weiß, das klingt verrückt, aber ich kann nicht riskieren, dass sie erschrocken davonläuft, wenn sie mich sieht.«

Als Will ein paar Sekunden lang nichts mehr sagte und schließlich seinen Blick von ihrem löste, schien auch sie sich endgültig wieder zu fangen und räusperte sich kurz. »Haben Sie ein wenig Vertrauen in die Menschen. Aber Ihre Ausführungen bringen mich auf einen Gedanken. Unsere Zeit ist sowieso fast um, deshalb möchte ich, dass Sie etwas für mich tun«, sagte sie, während sie sich ein paar kurze Notizen machte.

»Und das wäre?«

»Ein erster Schritt wäre, nicht nur in der Dunkelheit zu leben. Ja, ich weiß, das ist in ihrem Fall physisch nicht möglich, aber Sie wissen, was ich meine. Zeigen Sie sich der Welt, treten Sie aus den Schatten heraus. Versuchen Sie, ihre Angst zu überwinden. Können Sie das für mich tun?«

»Ich weiß nicht, ob ich dazu in der Lage bin«, erwiderte er ehrlich und richtete seinen Blick auf den alten Perserteppich, welcher den Fußboden der Praxis schmückte.

»Ich habe nicht gesagt, dass Sie sie sofort ansprechen sollen. Ich meinte damit lediglich, sie sollen ihren Fluchtreflex unterdrücken.« Mit festem Blick betrachtete sie ihn. »Geben Sie sich selbst eine Chance.«

Will wurde unruhig, dennoch nickte er langsam.

In diesem Moment klingelte die kleine Uhr auf dem Schreibtisch seiner Psychologin und kündigte das Ende der Sitzung an. »Wenn Sie mögen, sehen wir uns nächste Woche zur selben Uhrzeit wieder.« Sie legte ihren Stift beiseite, schloss die Akte und erhob sich von ihrem Stuhl.

Will stand ebenfalls auf und ließ sich von ihr zur Tür geleiten. Mit der Hand an der Türklinke drehte er sich halb zu ihr herum und teilte ihr mit einem Blick all das mit, was er nicht in Worte fassen konnte. »Danke«, sagte er, öffnete die Tür und verschwand in die Nacht hinaus.

 

Episode 6

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