Episode 4: 099. Solitude – Einsamkeit

Es war fast Mitternacht und William zog allein durch die Straßen Manhattans, die an einem Samstagabend wie immer rege bevölkert waren. Normalerweise störte ihn dies wenig, aber heute war seine Stimmung seltsam und gleichzeitig vertraut. Er konnte Unmengen an Menschen begegnen und doch würde er dieses Gefühl zu bestimmten Zeiten immer wieder in seiner Brust spüren, dass ihm etwas fehlte. Etwas, das er seit beinahe zweihundert Jahren schmerzlich vermisste, andere jedoch mit Leichtigkeit finden konnten. Er hasste es jedes Mal von neuem, wenn diese Zeit kam.

Und heute war wieder eine von diesen Nächten.

Dann half es nur wenig, wenn er großen Menschenmassen begegnete, wie sie es in New York zuhauf gab. Über acht Millionen Einwohner konnten ihm trotzdem nicht das Gefühl geben, dass er es wert war, überhaupt zu existieren.

Seit beinahe fünfzehn Jahren verweilte er bereits an der Ostküste und fristete sein Dasein zusammen mit anderen seiner Art in einer riesigen Villa am Stadtrand.

Allerdings war er seit beinahe einer Woche nicht mehr dort gewesen, weil er es momentan nicht ertragen konnte, andere Vampire zu sehen, die ihre Partner für die Ewigkeit gefunden hatten, während er weiterhin einsam war. Mit dem verzweifelten Wunsch nach Abwechslung war er regelrecht von dort geflohen.

Sich unter die Menschen zu mischen, hatte ihn jedoch nur kurzzeitig befriedigt. Seine Willenskraft, die ihn davon abhielt, mit Mordlust durch die Straßen zu ziehen und jeden abzuschlachten, der seinen Weg kreuzte, neigte sich langsam dem Ende zu. Nach Hause zu den anderen wollte er allerdings auch nicht, weil er dort nur wieder dem Paarungsverhalten seiner Mitbewohner ausgesetzt war. Die Einsamkeit, dass andere etwas hatten, was ihm verwehrt blieb sowie diese Zurschaustellung der Liebe anderer Vampire zehrten an seinen Nerven, er war am Rande der Verzweiflung, sodass er momentan jegliche untote Kreatur verfluchte.

Er steckte in einem Dilemma, was auf der einen Seite todtraurig war, aber gleichzeitig eine Aggressivität in ihm weckte, die gefährlich für seine Umwelt war. Wenn das Monster in ihm einmal erwachte und in Rage geriet, war es nur sehr schwer zu kontrollieren und zu bändigen.

Der Nervenkitzel, jeden Moment außer Kontrolle geraten zu können, den sein Aufenthalt mitten in Downtown Manhattan an diesem Abend verursachte, war aber heute von enormer Wichtigkeit für ihn, weil er sich sonst schon längst dem Sonnenlicht ausgesetzt hätte, um dieser Einsamkeit, unter der er litt, zu entfliehen.

Er zog durch die beleuchteten Straßen, auf denen ein reger Betrieb herrschte und nahm durchgehend den süßen Duft von Blut wahr, welches er mehr als alles andere begehrte und benötigte. Der Trieb, sich ein Opfer zu suchen, wurde immer stärker, bis er kurz davor war, auf offener Straße jemanden anzuspringen. Tagelang hatte er inmitten der Menschen verweilt, sich die gesamte Zeit zurückgehalten, doch es ging nicht mehr, ohne dass er Gefahr lief auszurasten.

Seine Einsamkeit gepaart mit seinem Hunger ließ das Tier in ihm langsam aber sicher erwachen. Wenn er nicht wollte, die Schlagzeilen in den Nachrichten am nächsten Morgen anzuführen, musste er sich umgehend eine ruhige Stelle suchen oder New York ganz verlassen.

Es gab nur zwei Möglichkeiten. Entweder William verriet sich, in dem er seinen Mordgelüsten nachgab, oder er zog sich in ein Versteck zurück, zusammen mit einem Opfer, welches diese Nacht sowieso nicht überleben würde.

Die zwiegespaltenen Gefühle, die gerade in ihm tobten, gaben ihm einen Kick, der ihn sich kurzzeitig lebendig fühlen ließ. Bekanntlich währte dies jedoch nie besonders lange.

An manchen Tagen war es ihm beinahe schon gleichgültig, was er tat und ob er sich und seine Art damit verraten würde. Genau genommen hegte er momentan sowieso einige Gedanken, die einen möglichen Abschied aus diesem ewigen Leben beinhalteten. Dementsprechend konnte man ihm für seine Taten nichts mehr anhaben, sollte er sich danach in den Tod stürzen. Oder sich dem strahlenden Sonnenlicht für ein paar Minuten direkt aussetzen.

Eine kleine Stimme in seinem Kopf flüsterte ihm allerdings immer wieder leise Dinge zu, die ihm ein schlechtes Gewissen machen sollten. Sie sagte ihm immer wieder, dass diese Person, die für ihn vom Schicksal vorherbestimmt war, bereits auf ihn wartete. Bei einigen dauerte es länger, bei anderen kürzer, sie zu finden. Manchmal zweifelte er allerdings daran, dass es für ihn ebenfalls eine Seelenverwandte gab, weshalb er des Öfteren diese selbstzerstörerischen Gedanken hatte.

Aber würde er sich tatsächlich trauen, seine Artgenossen und sich zu verraten? Könnte er die Gemeinschaft der Vampire in ihr Verderben rennen lassen und sich gleichzeitig aus diesem Dasein zurückziehen? Nein, auch wenn er momentan einen Hass auf diese Geschöpfe verspürte, war er dennoch einer von ihnen und konnte ihre Existenz nicht der Öffentlichkeit preisgeben.

William blieb mitten auf der Straße stehen, fuhr sich frustriert mit den Händen durch seine dunklen Haare und vergrub anschließend sein Gesicht im Kragen seiner Jacke, als er diesen Geruch wahrnahm. Irgendwo in seiner Nähe blutete jemand. Sofort schreckte er auf und nahm einen tiefen Atemzug. Seine Augen verdunkelten sich merklich und seine Fänge kamen zum Vorschein.

Er spürte, wie sich sein Körper instinktiv auf die Jagd einstellte. Diesmal konnte er es noch nicht einmal ansatzweise kontrollieren, so schnell ging die Verwandlung vonstatten.

Er musste ein Knurren unterdrücken und sich beherrschen, nicht in übermenschlicher Geschwindigkeit davon zu rasen, um die Quelle dieses köstlichen Geruchs zu erfassen.

Er konnte kaum noch einen klaren Gedanken fassen, sein Jagdinstinkt war nun hellwach und seine vampirischen Merkmale kaum noch zu übersehen. Es kostete ihn eine ungemeine Überwindung, sich nicht einfach in die Menge zu stürzen und nach der Ursache für diesen unwiderstehlichen Duft zu suchen.

Er behielt das Ufer des East Rivers im Auge, um sich einen möglichen Ausweg zu suchen, denn er war nicht sicher, ob er es tatsächlich durchhalten würde, dieser Gefahr zu widerstehen, die momentan sowohl von ihm als auch von der Quelle für seine Verwandlung ausging.

Dann geschah plötzlich alles gleichzeitig und er erblickte sie.

Der Blick in diese eisblauen Augen erfüllte sein Herz mit einer Wärme, die ihm das Gefühl vermittelte, es würde wieder anfangen zu schlagen, was natürlich nicht der Fall sein konnte. Er scannte kurz ihre Erscheinung, bewunderte ihren perfekten Körperbau, als die Quelle für sein eigentliches Unwohlsein sprichwörtlich direkt vor seiner Nase entlang lief. Er konnte das Knurren in seiner Kehle nicht unterdrücken und ließ beinahe ein Brüllen entweichen. Allerdings konnte er sich soweit beherrschen, dass er nicht der Blondine hinterherlief, die seinen Weg kreuzte und diesen köstlichen Geruch nach Blut mit sich herumtrug. Stattdessen warf er noch einen kurzen Blick auf dieses engelsgleiche Geschöpf und rannte in Richtung des Flusses, wo er seine Gestalt für eine Zeitlang versenkte.

Episode 5

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