Kapitel 1

„Meine Damen und Herren, herzlichen Dank für Ihren Besuch im Zirkus Royal!“ Der Direktor stand mit ausgebreiteten Armen in der Manege, lächelte vergnügt und kündigte die letzte Attraktion des Abends an. „Wir hoffen, unsere Vorstellung hat Ihnen genauso viel Freude bereitet wie uns! Leider rückt das Ende des Abends näher und wir müssen bald „Auf Wiedersehen“ sagen! Nichtsdestotrotz lassen es sich unsere dressierten Kängurus mit ihrem Trainer Vincent nicht nehmen, Ihnen ihr Können unter Beweis zu stellen! Viel Vergnügen!“ Der Direktor drehte sich um und verschwand hinter den Vorhängen.

„Ooooh, Kängurus!“, quiekte Zoey, die neben Mackenzie saß. Sie klatschte vor Freude in die Hände und grinste über beide Ohren, als sie sich ihrer besten Freundin zuwandte. „Ich habe mich schon die ganze Zeit gefragt, ob es in australischen Zirkussen auch Vorstellungen mit Kängurus gibt!“

„Ich mich auch, aber jetzt wissen wir es endlich.“

„Der Abend war toll, nicht wahr?“ Zoey seufzte glücklich.

Mackenzie konnte ein Kichern nicht unterdrücken, aber sie wusste nicht, ob wegen der Kängurus oder weil ihre beste Freundin deswegen total aus dem Häuschen war. Wahrscheinlich wegen beidem.

„Hör auf über mich zu lachen.“ Zoey zwickte Mackenzie in die Seite, woraufhin sie zusammenzuckte. Ehe sie weiter reagieren konnte, kamen zwei Männer mit Trampolinen, Ringen und allerlei anderen Sachen, die sie in der Manege platzierten. Kurz darauf wurde der Vorhang geöffnet und vier Kängurus hoppelten in einer Reihe hinein, dicht gefolgt von einem dunkelhaarigen Mann in einem schwarzen Anzug. Die Vorstellung konnte beginnen.

Mackenzie beobachtete das Treiben mit großem Interesse, denn ihr war nicht bewusst gewesen, dass man Kängurus auf diese Weise dressieren konnte. Sie war immer der Meinung gewesen, dass sie ihren eigenen Kopf hatten und sich nicht in irgendwelche Nummern stecken lassen würden, doch sie hatte sich geirrt. Es war lustig mit anzusehen, wie die Tiere den Kommandos ihres Trainers gehorchten und ihre Kunststücke aufführten.

Nachdem die Vorstellung beinahe zu Ende war, realisierte Mackenzie, wie viel Spaß sie gehabt hatte. Als Zoey am Nachmittag vorgeschlagen hatte, den Zirkus zu besuchen, hatte sie sich zunächst geweigert mitzugehen. Zirkusvorstellungen waren etwas für Kinder und nichts für zwei kanadische Polizistinnen im Urlaub.

Doch Zoeys Sturheit hatte gesiegt und schließlich hatte Mackenzie doch nachgegeben und war mitgegangen. Wie fürchterlich kindisch sie sich gefühlt hatte, als sie an der Kasse gestanden und die Eintrittskarten gekauft hatten! Zoey hatte die ganze Zeit gelächelt und sich auf den Abend gefreut, während Mackenzie das Lächeln zwar erwidert, jedoch mit gemischten Gefühlen das Zelt betreten hatte.

Sie war nicht der Typ für derartige Unternehmungen. Ihre Kindheit lag schon lange in der Vergangenheit und durch ihren Job hatte Mackenzie nicht die Zeit, ihre Freizeit mit Besuchen im Zirkus zu gestalten. Ihre Prioritäten waren anderweitig gelagert. Mackenzie liebte ihren Job und seitdem sie vor zwei Jahren in die Mordkommission befördert wurde, hatte sie ohnehin kaum noch Zeit für private Aktivitäten.

Sie war gerne Inspector Mackenzie Parker, die sich nächtelang auf Tatorten herumtrieb und nach Indizien suchte. Sie übernahm diese Rolle viel lieber, als sich mit ihrem traurigen Privatleben herumzuplagen. Ihre Familie wohnte am anderen Ende von Kanada und eine Beziehung hatte sie momentan auch nicht. Gäbe es Zoey nicht, würde Mackenzie vermutlich Tag und Nacht auf der Wache oder an einem Tatort verbringen.

Ihre beste Freundin Zoey Bennett arbeitete ebenfalls bei der Polizei, allerdings bei der Drogenfahndung. Als Mackenzie vor mittlerweile fast zehn Jahren von Toronto nach Vancouver gezogen war, um ihre Stelle beim Vancouver Police Department anzutreten, hatte sie Zoey kennengelernt. Damals waren beide gerade frisch von der Akademie gekommen und in derselben Abteilung gelandet – der Drogenfahndung. Während Zoey dort vollkommen in ihrem Element war, wollte Mackenzie am liebsten alles hinwerfen, weil die Arbeit dort nicht das war, was sie sich unter ihrem Job vorgestellt hatte.

Die Drogenfahndung war ihr zu langweilig und unspektakulär. Mackenzie hatte zur Mordkommission gewollt, seitdem sie über die Türschwelle an der Polizeiakademie geschritten war. Nachdem sie mehrere verschiedene Abteilungen durchlaufen hatte und ihre Arbeit immer tadellos erledigt hatte, war der Chief endlich einsichtig gewesen und hatte sie in die Mordkommission versetzt.

Diese Versetzung bedeutete allerdings, dass ihre Freizeit und ihr Privatleben noch mehr leiden mussten als ohnehin schon. Die Kriminalitätsrate in Vancouver war eine der höchsten in ganz Kanada, weshalb sie Tag und Nacht zur Verfügung stehen musste, wenn es hart auf hart kam. Dies war für Mackenzie allerdings kein Problem, sie hatte sowieso nichts in ihrem Leben, wofür sich Freizeit lohnte.

Hin und wieder verlor Mackenzie den Blick für das reale Leben, welches durch die viele Arbeit immer mehr in den Hintergrund rückte und beinahe komplett in Vergessenheit geriet. Wenn es dazu kam, war sie froh, eine Freundin wie Zoey zu haben. Sie liebte die Polizeiarbeit zwar ebenfalls, legte aber großen Wert auf ihr Privatleben. Wenn Zoey es bewerkstelligen konnte, drängte sie Mackenzie dazu, einen Abend – oder sogar ein ganzes Wochenende – auszuspannen und mit ihr zu verbringen.

Wann immer Zoey sie zu einer Unternehmung überreden wollte, weigerte Mackenzie sich zuerst, aber gegen den unglaublichen Dickkopf ihrer besten Freundin zog sie jedes Mal den Kürzeren. Im Nachhinein war sie froh um die Ablenkung, da sie sich danach besser konzentrieren und die Indizien schneller zu handfesten Beweisen kombinieren konnte. Sie musste zugeben, dass Zoey mit ihren Predigten meistens Recht hatte. „Du arbeitest zu viel“, sagte sie ihr ständig, was Mackenzie nicht wahrhaben wollte und zu einer Diskussion darüber führte, wie viel Arbeit zu viel war. Auf Zoeys meist resignierten Ausbruch, sie sei ein Workaholic, konterte Mackenzie, die Kriminellen in Vancouver würden schließlich auch keine Pause machen.

Bei einer solchen Debatte hatte Mackenzie sich auch von Zoey breitschlagen lassen, mit ihr in den Urlaub zu fliegen. Zoey hatte deswegen drei volle Stunden auf Mackenzie eingeredet und schließlich gewonnen. Die beiden hatten sich zwei Wochen Urlaub genommen und eine Reise nach Australien gebucht. Den Urlaubsantrag zu stellen, hatte Mackenzie jede Menge Überwindung gekostet und der Chief hatte große Augen gemacht, als er seine Unterschrift auf das Papier gesetzt hatte. Solche Zeiträume war er von ihr nicht gewöhnt.

Und nun saß sie hier fest. Über achttausend Meilen von zuhause entfernt, auf einem anderen Kontinent und in einer Stadt, die ihr völlig unbekannt war. Melbourne war zwar schön und Australien wirklich eine Reise wert, doch schon nach vier Tagen vermisste sie ihre gewohnte Umgebung und ihren Job.

Der heutige Abend im Zirkus war der erste, den sie in Australien genossen hatte und an dem ihr Verstand nicht ständig eine Ausrede gesucht hatte, um über die Arbeit nachzudenken.

Als die Kängurus schließlich in einer Reihe standen und gemeinsam mit ihrem Trainer eine Verbeugung machten, ertönte großer Applaus aus dem gesamten Publikum. Zoeys blonder Haarschopf schnellte zu ihr rüber und ein zufriedenes Lächeln trat auf ihr Gesicht, als sie sah, dass Mackenzie die Vorstellung ebenfalls genossen hatte.

Nachdem die Kängurus die Manege hoppelnd verlassen hatten, trat der Zirkusdirektor erneut in die Manege und hielt eine kleine Abschlussrede. „Die Zeit ist gekommen, wieder einmal müssen wir Abschied voneinander nehmen. Wir hoffen sehr, dass Sie einen schönen Abend hatten und wir Sie bald wieder begrüßen dürfen! Unsere Artisten, Dompteure und auch unsere Tiere würden sich freuen!“ In diesem Moment traten alle menschlichen Attraktionen noch einmal in die Manege und verabschiedeten die Zuschauer mit einer kleinen Abschiedsshow.

Als sich der Innenraum danach geleert hatte, war es auch für Mackenzie und Zoey Zeit zum Aufbruch. Die Vorstellung war ausverkauft gewesen, weshalb sie sich dem Ausgang nur schleppend näherten.

„Wie hat es dir gefallen?“, fragte Zoey, während sie warteten, dass es voran ging.

Mackenzie atmete tief durch. Auf diese Frage hatte sie gewartet und das erwartungsvolle, fröhliche Gesicht ihrer Freundin ließ vermuten, dass sie sich nicht mit einer einsilbigen Antwort zufrieden gab. „Ich gebe es ungern zu, aber es war wirklich klasse“, sagte sie schließlich. „Ich hätte nicht gedacht, dass mir ein Besuch dieser Art Spaß machen könnte.“

„Ich wusste es.“ Zoey jubelte regelrecht. „Ein Zirkus gefällt einfach jedem – egal in welchem Alter man ist.“

„Übertreib nicht“, sagte Mackenzie und sah sie von der Seite an. „Es hat mir gefallen, aber das heißt nicht, dass ich jetzt jeden Tag herkommen möchte.“

„Sei kein Spielverderber. Es hat dich von der Arbeit abgelenkt, oder?“

Mackenzie seufzte. „Okay, ja. Für einige Sekunden habe ich tatsächlich nicht daran gedacht. Zufrieden?“

„Sehr.“ Zoey grinste über beide Ohren. „Ein sehr guter Anfang. Morgen versuchen wir, diese Zeitspanne über mehrere Minuten zu strecken.“

„Haha.“

„Was denn? Du denkst über nichts anderes nach! Beinahe all unsere Gespräche handeln von irgendwelchen Toten, von Drogenopfern, giftigen Substanzen oder sonstigen Todesursachen! Zwischendurch sollten wir mal wieder in die Welt der Lebenden zurückkehren, Mac.“ Zoey fuchtelte wild mit den Armen in der Luft herum, um ihrer kleinen Rede mehr Ausdruck zu verleihen. Ihre braunen Augen bohrten sich unnachgiebig in Mackenzies grüne, sodass sie nach ein paar Sekunden wegsehen musste.

„Ich weiß, du hast ja Recht, aber ich kann meine Gewohnheiten nicht von heute auf morgen abstellen.“

„Versuch einen Tag nicht über deinen Job nachzudenken und du wirst sehen, dass das Leben richtig schön sein kann. Egal wie großartig wir in unserem Job sind.“ Zoey kicherte.

„Aber wir sind großartig. Großartig und fabelhaft. Eine solche Begabung muss man ausnutzen“, antwortete Mackenzie und stimmte in Zoeys Kichern mit ein, als sie schließlich den Ausgang des Zeltes erreichten und im Freien standen. Es war mittlerweile weit nach zweiundzwanzig Uhr und die Sonne war bereits untergegangen. Dennoch herrschten angenehme Temperaturen, was zwar normal für den australischen Februar war, aber ungewohnt für die beiden Kanadierinnen. Aber immerhin befanden sie sich auf der Südhalbkugel, wo momentan Sommer war, während in Kanada der Schnee meterhoch lag.

„Du weißt genau, was ich dir mitteilen will, Mac. Versuch mal, für einen Tag einfach nur Mac zu sein und nicht Inspector Mackenzie Parker vom Morddezernat. Deal?“

Mackenzie seufze abermals. „Okay, Deal.“

Schweigend liefen die beiden über das schwach beleuchtete Zirkusgelände, immer den anderen Zuschauern hinterher. Mackenzie hing ihren Gedanken nach und konzentrierte sich darauf, nicht an ihre Dienstmarke oder ihre Waffe zu denken. Bei einem gelangweilten Blick zur Seite bemerkte sie einige Zirkusmitarbeiter, die in Richtung der Wohnwagen rannten und dabei riefen, dass man den Direktor sowie die Polizei verständigen sollte.

Urplötzlich wurde Mackenzie hellhörig und blieb stehen. Auch Zoey hatte die Rufe mitbekommen und sah ihre Freundin eindringlich an. „Mac, ich will dich ja nicht enttäuschen, aber du bist hier definitiv nicht zuständig. Also komm nicht auf dumme Ideen.“

„Zu spät“, antwortete Mackenzie grinsend. „Du solltest mich kennen, Zoey. Ich kann das nicht einfach ignorieren, anderes Land hin oder her. Gucken kostet nichts. Komm schon.“ Mackenzies Neugier war geweckt. Die Eile, mit der die beiden Männer in Richtung der Wohnwagen gelaufen waren, machte sie ganz kribbelig. Sie war schon seit mehreren Tagen nicht mehr an einem Tatort gewesen. Nach dieser Zeit würde selbst ein lausiger Einbruch wie ein Fest wirken.

Mackenzie ließ sich von ihrer Idee nicht mehr abbringen, das wusste Zoey. Dennoch grummelte sie hörbar und warf Mackenzie giftige Blicke zu. „So viel zu unserem Deal. Du hast lange durchgehalten, ich muss dich echt loben“, sagte sie mit vor Sarkasmus triefender Stimme.

„Was soll ich machen? Eine solche Gelegenheit kann ich mir nicht entgehen lassen! Jetzt komm!“ Nachdem Mackenzie sich in Bewegung gesetzt hatte, hörte sie lediglich ein Seufzen hinter sich und schließlich folgte Zoey ihr in Richtung der Gegend, wo die Wohnwagen der Zirkusmitarbeiter standen.

Mackenzie und Zoey mussten den Ort des Verbrechens nicht lange suchen, eine große Menschenmenge hatte sich vor einem der Wagen gebildet. Ein Scheinwerfer erleuchtete den Tatort zusätzlich. Mac grinste vor sich hin, als sie sich einen Weg durch die Leute bahnte. „Entschuldigen Sie, Polizei, bitte lassen Sie uns durch“, sagte sie in regelmäßigen Abständen, bis Zoey und sie in der ersten Reihe angekommen waren.

Mackenzie strich sich eine ihrer dunklen Haarsträhnen aus dem Gesicht, bevor sie einen Blick auf den Wohnwagen richtete. Die Tür war geöffnet, das Innere hell erleuchtet. Auf der kleinen Veranda, die zum Eingang führte, lag ein geöffnetes Paket. Daneben waren die Füße und Beine eines Menschen zu sehen, dessen restlicher Körper sich vermutlich im Inneren des Wagens befand.

Mac trat einen Schritt nach vorne und ignorierte Zoeys Griff um ihren Arm, als sie sich an einen der Artisten wandte, der noch in seinem Kostüm war und gerade etwas in eine Tasche steckte. „Wir sind von der Polizei, was ist hier passiert?“, fragte Mac und fühlte sich in ihrem Element.

„Das wüsste ich auch gerne!“, sagte der Mann und fuhr sich verzweifelt mit den Händen durch die Haare. „Ich bin vor ein paar Minuten hier vorbei gelaufen und habe George leblos auf dem Boden liegen sehen. Ich glaube, er ist tot.“

Kapitel 2

Eine Antwort zu Kapitel 1

  1. breanaschreibt schreibt:

    Ich wünsche, ich könnte dir gerade Schafe verteilen, denn Du und Nina würdet garantiert fünf und fünf bekommen. Ich liebe die Idee des Zirkus und die Namen sind wirklich toll. Ganz zu schweigen vom Banner! Das ist Dir wirklich gut gelungen. ♥

    Der kleine Scherz mit den Kängarus fand ich zum Schießen. Ich muss immer noch lachen. Die beiden sind ultraknuffig! Zwei Polizisten im Zirkus. Oder eher Cops. Allein die Idee finde ich total genial.

    Und der Cliff… ich kann gar nichts sagen, außer, dass ich jetzt sofort weiterlesen werde.

    Alles Liebe,
    deine Laura

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