Prolog

Als ich die Augen aufschlug, war es stockfinster, nicht nur in meinem Zimmer, sondern auch draußen auf der Straße. Scheinbar hatte ich den Tag komplett verpasst. Schlaftrunken tastete ich mit der linken Hand nach dem Lichtschalter meiner Lampe und rempelte dabei an die Wasserflasche, die daneben stand. Ich stieß diese vom Nachtschränkchen und hechtete reflexartig aus dem Bett, um den größten Schaden zu verhindern.

Nachdem ich das Licht angestellt hatte, richtete ich meinen Blick auf die Flasche, die ich im Flug gefangen hatte, ohne einen Tropfen Flüssigkeit zu verschütten. Verblüfft starrte ich das Gefäß in meiner Hand an.

Ich stempelte es als Glücksfall ab, schraubte den Deckel fest auf die Öffnung und stellte sie auf dem Tisch ab. Schlagartig gab es einen lauten Knall und die Flasche explodierte in meiner Hand. Wassertropfen spritzten mir ins Gesicht und Stücke der Flasche flogen mir entgegen. «Verdammte Scheiße», grummelte ich und schob die Plastikstücke aus meinem Bett. Das konnte doch nicht wahr sein! Nie wieder würde ich diese billigen, qualitativ schlechten Produkte Dinger kaufen …

Das konnte nur ein schlechter Scherz sein. Ich ließ mich zurück in die Kissen fallen, zog die Decke über den Kopf und murmelte vor mich hin. «Ich muss noch träumen.»

Eine Weile döste ich und versuchte mich an den gestrigen Abend zu erinnern, was mir nicht gelingen wollte. Stattdessen nahm ich einen neuen Geruch wahr. Es roch seltsam, irgendwie salzig und ein wenig nach Eisen. Es war nicht besonders appetitlich, trotzdem weckte er meine Sinne und seltsame Gelüste. Tief in meinem Inneren spürte ich etwas rumoren, es machte mich nervös und gleichzeitig konnte ich nicht abwarten, dem Geruch auf die Spur zu gehen.

Irgendwie fühlte ich mich eigenartig. Ich konnte es nicht benennen, aber etwas Entscheidendes an meinem Körper schien falsch zu sein oder zu fehlen. Langsam schüttelte ich den Kopf. Wahrscheinlich hatte ich gestern einfach nur zu viel getrunken und litt an den Nachwirkungen des Alkohols … Auch wenn ich nicht mehr wusste, was gestern Nacht passiert war.

Ich stand aus dem Bett auf und ging zur Tür, um dem Geruch aus dem Flur zu folgen, als ich im Vorbeigehen mein Spiegelbild erblickte. Ruckartig blieb ich stehen und stieß vor Schreck einen kleinen Schrei aus. Die Person, die mir entgegenblickte, konnte unmöglich ich sein … Sie hatte nur entfernt Ähnlichkeit mit mir, imitierte jedoch jede meiner Bewegungen. Durch die langen braunen Haare und den immer währenden skeptischen Gesichtsausdruck erkannte ich schließlich doch ein Stück von mir in der Person, die mich anstarrte … Aber der Rest hatte sich definitiv verändert.

Ich spürte, wie eine Welle von Panik in mir aufstieg und ich unkontrolliert zu zittern begann. Meine Hände fühlten sich feucht an. Was zur Hölle war passiert?

Ich näherte mich dem Spiegel bis auf ein paar Zentimeter und betrachtete meine Gesichtszüge, die viel feiner geworden waren. Das Auffälligste waren meine Augen. Ich zuckte zurück, als ich sie im Spiegel sah. Das dunkle Braun war verschwunden, stattdessen waren meine Iris leuchtend rot gefärbt und von einem schwarzen Rand umgeben. Das Weiße war blutunterlaufen und dunkle Schatten umgaben die Augenpartie. Es wirkte, als hätte ich wochenlang nicht geschlafen. Am meisten fürchtete ich mich aber vor dem Ausdruck, der in ihnen lag. Gefährlich blitzte es mir entgegen, etwas Mörderisches lag in meinem Blick.

Kurze, flache Atemzüge waren die Folge meiner Entdeckungen. Das konnte nur ein Albtraum sein, es war nicht real, was ich sah … Ich musste träumen, eine andere Erklärung gab es nicht. Übernatürliche Phänomene existierten nicht und waren lediglich ein Fantasieprodukt.

Ich ließ meinen Blick weiter über meine Erscheinung gleiten und stellte fest, dass die kleinen Unebenheiten in meinem Gesicht verschwunden waren. Mit meinen Fingern berührte ich meine Wange, die sich anfühlte wie ein Babypopo. Es war ein seltsames Gefühl und es ängstigte mich noch mehr. Glatt und weich, rein und sauber – beinahe wie aus einer anderen Welt. Und ich war blass, fast weiß, wohingegen meine Lippen eine dunklere Farbe als sonst trugen.

Was war mit mir passiert? Unsicher biss ich mir auf die Unterlippe und spürte sofort ein Stechen. Ich bekam es mit der Angst zu tun. Gerade in der letzten Woche hatten wir im Literaturkurs am College über genau dieses Thema geredet … Sollten etwa all die Geschichten wahr sein?

Ich öffnete meinen Mund und entdeckte eine kleine Verletzung an meiner Unterlippe, aus der ein Tropfen Blut quoll. Automatisch sog ich an der Wunde, um die rote Flüssigkeit in mir aufzunehmen. Obwohl es so wenig war, erfüllte mich ein schwaches Gefühl der Zufriedenheit.

Langsam neigte ich den Kopf ein Stück nach hinten und zog vorsichtig meine Oberlippe hoch. Was ich dort sah, nahm mir jegliches Verständnis für die Realität. Es war schlichtweg unmöglich, aber meine Zähne waren spitzer und schärfer. Die Eckzähne hatten sich verlängert und drückten stark gegen meinen Kiefer. Auch mein Zahnfleisch war empfindlicher als sonst und schmerzte unangenehm.

Mit der rechten Hand fasste ich an meine linke Brust und urplötzlich wusste ich, was fehlte.

Mein Herzschlag.

Kapitel 1

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