Episode 3: 003. Sunset – Sonnenuntergang

Für die Wesen der Nacht waren die Tage eine Qual. Gefangen in ihren Verstecken mussten sie jene Stunden hinter sich bringen, in denen die Sonne ihre Strahlen auf die Erde sandte. Kein Vampir konnte sich auf der Oberfläche bewegen, sie waren wie Tiere in Käfigen gefangen.

Ein einziger Schritt hinaus ins Tageslicht würde schon genügen und sie würden lichterloh in Flammen stehen.

Die Zeit, während der man sich frei bewegen konnte, begrenzte sich gerade in den Sommermonaten auf wenige Stunden. Es blieb nicht viel Zeit, um sich draußen aufzuhalten und den täglichen Bedürfnissen eines Vampirs nachzugehen.

Lediglich sieben Stunden blieben zum Jagen und anderen Erledigungen übrig.

In solchen Zeiten nagte die Eifersucht an William. Er war neidisch auf die Menschen, die sich beinahe siebzehn Stunden im hellen Tageslicht aufhalten konnten, ohne dass ihnen die Gefahr im Nacken saß. Währenddessen waren sie sicher, weil kein einziger Vampir sie erfassen und sich an ihrem roten Lebenssaft laben konnte.

Wie gerne wäre er unabhängig von diesen Dingen! William wünschte sich, dass seine Haut und sein Körper nicht länger so anfällig für die ultravioletten Strahlen der Sonne wären und sie nicht bei dem kleinsten Kontakt aussehen würde, als hätte er stundenlang auf dem Grill gelegen.

Er warf einen Blick auf die Uhr und stellte fest, dass es nun nicht mehr lange dauerte. In einundzwanzig Minuten würde die Sonne komplett am Horizont verschwunden sein und die Finsternis hielt Einzug.

Auch seine Haut begann zu prickeln. Jeden Abend merkte er diese kleinen, kaum spürbaren elektrischen Stöße, die immer stärker wurden, je näher die Nacht rückte, und ihm gleichsam verrieten, dass seine Zeit nun kurz bevor stand. Obwohl sein Körper eigentlich tot war, erwachte jede Zelle in ihm scheinbar wieder zum Leben, wenn die Sonne unterging und kündigte ihm an, dass die dunklen Nachtwesen nun die Oberhand gewinnen würden.

In der riesigen Villa, die mitten in einem Waldstück in der Nähe von New York stand, bemerkte man ebenfalls, dass es bald Zeit zum Aufbruch war. Niemand vergeudete während der warmen Monate im Jahr auch nur eine einzige Minute der kostbaren Nacht.

Selbst durch die dicken Wände und die schwere Holztür, die ihn von den anderen Vampiren trennten, die hier lebten, konnte er die Aufregung spüren, die geradezu überschäumte. William hielt davon nichts, solch eine Hektik zu veranstalten. Davon würde die Sonne auch nicht schneller untergehen.

In aller Seelenruhe spazierte er durch sein Zimmer und legte seine Kleidung an. Er wollte bereit sein, wenn die nächsten siebzehn Minuten vergangen waren und er in die Dämmerung aufbrechen konnte.

Gerade knöpfte er das schwarze Hemd zu, als er ein Klopfen an der Tür vernahm, welche gleich darauf geöffnet wurde. Durch den Spiegel betrachtete er neugierig die Person, die eintrat. Doch im Grunde wunderte es ihn nicht, ausgerechnet Catherine zu erblicken, die in sein Zimmer kam. Sie machte kein Geheimnis daraus, dass sie in ihm mehr als einen weiteren Vampir sah, der neben ihr existierte.

»William«, hauchte sie in seine Richtung und blieb zwei Meter hinter ihm stehen.

»Was willst du, Catherine?«, fragte er, ohne sich zu ihr herum zu drehen. Er wusste auch ohne sie zu sehen, dass ihr Körper nur spärlich bedeckt war, in der Absicht eine Reaktion aus ihm hervor zu locken. Zwar erzeugte die Vampirin eine Regung in seiner Leistengegend, sein totes Herz schwieg bei ihrem Anblick allerdings. Es war schon immer so gewesen und würde sich auch nie ändern, egal wie oft sie noch versuchen würde, sich ihm anzubieten.

»Ich wollte dich nur noch einmal sehen, bevor wir hinaus in die Nacht gehen.« Ihre Stimme war hell und klar und ihre Absichten unmissverständlich. Ihre Augen glühten vor Verlangen, doch diesen Gefallen würde er ihr nicht tun.

»Du hast mich jetzt gesehen. Es sind noch zehn Minuten, dann werde ich gehen. Und du solltest dich auch lieber bereit machen.« Jetzt drehte er sich doch herum, da er keinerlei Grund mehr hatte, weiter in den Spiegel zu starren.

Ihre funkelnden grauen Augen hingen wie gebannt auf seiner Erscheinung, ehe sie ein paar Schritte näher kam. »Wann siehst du endlich ein, dass ich die richtige für dich bin?«, fragte sie und befand sich schließlich nur noch Zentimeter vor ihm.

»Wenn du die Eine für mich wärst, wüsstest du das, Catherine«, zischte er und wandte sich von ihr ab.

Manchmal fragte er sich, ob ihr Gehirn von irgendeinem illegalen Stoff vernebelt war oder ob sie es einfach nicht begreifen wollte, dass er nichts von ihr wollte. Beinahe jeden Abend kam sie zu ihm ins Zimmer in der Absicht, ihn für sich zu gewinnen. So sehr er sich eine Gefährtin wünschte, war Catherine trotzdem einfach nicht die richtige. Sie war hübsch mit ihren blonden Haaren und der makellosen Haut, keine Frage, doch unter Liebe verstand er etwas anderes.

Es war ihr Charakter, der ihn störte. Sie war intrigant und unheimlich hochnäsig. Unter Ihresgleichen hatte er noch nie eine solch arrogante Person gesehen. Sie war hinterlistig und spielte gerne andere Vampire gegeneinander aus, um selber in einem besseren Licht dazustehen. Er verabscheute dies.

»Irgendwann wirst du zur Vernunft kommen, William, und ich werde bereit dafür sein«, raunte sie und rauschte beleidigt aus dem Zimmer.

»Eher gehe ich im Sonnenlicht spazieren«, rief er hinter ihr her, wohlweißlich, dass sie es gehört haben musste.

Ein Lächeln stahl sich auf seine Lippen, als er tief in den Fluren des Hauses ein Grollen vernahm, was zu Catherine gehörte. Er würde ihr schon noch zeigen, wer gewitzter war.

Doch so sehr er sie auch die meiste Zeit verabscheute … manchmal wünschte er sich, dass seine Gefühle für sie anders wären. Jedes Mal, wenn ihn die Einsamkeit auf eine Weise umarmte, die sein totes Herz schmerzen ließ. Diese Momente waren zwar selten, aber immer dann, wenn sie eintraten, sehnte er sich nach einer Gefährtin, die er nun seit beinahe zweihundert Jahren suchte, bisher jedoch noch nicht gefunden hatte.

Urplötzlich wurde alles zur Nebensache, seine Gedanken an Catherine wanderten in die Tiefen seines Gehirns und seine Instinkte übernahmen die Kontrolle. Das Prickeln auf seiner Haut wurde merklich stärker.

Es war beinahe soweit.

Die letzten Strahlen der Sonne waren am Horizont zu sehen, in wenigen Sekunden war sie ganz verschwunden und er konnte sich ein neues Opfer suchen gehen. Eine weitere junge Frau, wie die, die er in der vorigen Nacht in der Dunkelheit einer Gasse gefunden und getötet hatte.

Er ging zu dem riesigen Fenster, das noch durch einen schweren Vorhang verborgen war und schloss die Augen. Selbst durch den dicken Stoff und die Scheibe konnte er die Nacht riechen, die sich über die Stadt legte.

Er genoss das Gefühl, wie sich jede seiner Zellen vor Blutsehnsucht gen Dunkelheit lehnte und vor Verlangen prickelte. Ein leises Knurren entfuhr ihm in dem Moment, als das Gefühl am stärksten war. Die letzte Sekunde war vergangen und die Sonne war schlafen gegangen.

Die Zeit der Vampire war gekommen. Heute Nacht würde wieder Blut fließen, da war sich William sicher.

Und gleichsam würde er die Augen offen halten nach der Einen. Irgendwann würde er ihr begegnen. Dessen war er sich sicher.

Ruckartig riss er die Vorhänge zur Seite und öffnete das Fenster.

Federleicht sprang er aus dem Fenster und glitt hinaus in die Dunkelheit.

Episode 4

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