Episode 6: 027. Poison – Gift // 014. Smile – Lächeln

Eng an die Wand gedrängt verharrte Will in der alten Lagerhalle. Die Sonne stand hoch am Himmel und die durch vergilbten Fenster einfallenden Lichtstrahlen erhellten den gesamten Raum. Will kauerte hilflos in der einzigen Ecke, die ihm Sicherheit und Schatten bot. Er saß hinter zwei großen Kisten, wo ihn das Licht nicht erreichen konnte.

Aus Angst, seinen Körper – oder auch nur einen Teil davon – der Sonne auszusetzen, wagte er kaum sich zu bewegen. Er würde lichterloh in Flammen aufgehen. Die Knie nah an seinen Körper gezogen hatte er seinen Mantel schützend über seinen Kopf gehangen, zum Schutz vor den gefährlichen UV-Strahlen. Vielleicht würde er ihn eine Weile länger davor bewahren zu verbrennen, falls das Licht irgendwann die letzten Winkel des Raumes durchfluten würde.

Will lachte trocken auf. Als ob dies etwas bringen würde … Als Vampir war es egal, wie sehr er sich schützte, die Sonne würde jedes kleine bisschen Haut sofort zu einem Stück Kohle verbrennen. Sie war wie Gift für einen Vampir wie ihn. Dies war eine Lektion, die er vor langem schmerzhaft hatte lernen müssen. Deswegen fehlte ihm seit etwa zweihundert Jahren die Fingerkuppe seines rechten kleinen Fingers.

Deshalb hatte er dem Reflex nachgegeben, seinen Mantel als Zelt zu benutzen. Er wollte nicht unnötig noch mehr Körperteile verlieren, die er möglicherweise sehr viel mehr vermissen würde.

Bereits seit dem Sonnenaufgang war er hier gefangen. In dieser Zeit hatte er sich kaum bewegt, sodass seine Muskeln und Gelenke mittlerweile taub waren. Wenn er sich nicht täuschte, steckte er noch etwa fünf weitere Stunden hier fest, ehe die Sonne endlich unterging. Die eigentlich kurze Zeitspanne kam ihm auf einmal vor wie eine Ewigkeit!

Verdammt, wieso war er nur so dämlich gewesen, sich in diese Lage zu bringen? Er hätte es besser wissen müssen! Aber nein, er hatte ja unbedingt auf den Rat seiner Psychologin hören müssen … Sich der Welt öffnen. Will schnaubte. Das war die bescheuertste Idee gewesen, der er jemals gefolgt war. Im Grunde war die Psychotante an seiner Misere schuld. Er würde sich gehörig bei ihr dafür bedanken, sollte er jemals an einem Stück aus dieser Lagerhalle herauskommen.

Doch Will hatte am Vorabend nicht anders gekonnt, als es wenigstens zu probieren. Er konnte seinen Instinkten nicht widersprechen, denn er war ihr wieder über den Weg gelaufen. Zunächst hatte er sie nur beobachtet, doch irgendwann … Allein die Erinnerung daran ließ ihn lächeln.

Es war der schönste Abend seit langer Zeit gewesen.

Will hatte sich in einer Bar in Brooklyn aufgehalten und war auf der Suche nach einem willigen Opfer gewesen, das seinen Blutdurst für diese Nacht stillen würde, als sie plötzlich zur Tür herein gekommen war.

Will hatte alles um sich herum vergessen und sogar aufgehört zu atmen. Ihr Anblick hatte ihn dermaßen fasziniert, dass jegliche menschliche Gewohnheiten, die ihn vor seiner Enttarnung schützten, völlig in den Hintergrund gerückt waren. Damit hatte er nicht gerechnet. Er war absichtlich nach Brooklyn gegangen, er hatte Abwechslung gebraucht. Außerdem hatte er fest geplant, einmal einen Abend zu erleben, an dem er ihr nicht wie ein kranker Stalker hinterher lief, der sie jeden Tag auf dem Heimweg aufspürte und wie Hannibal Lecter den Geruch seiner Angebeteten tief in seine Lungen sog.

Doch er schien ihr nicht entkommen zu können. Stattdessen erkannte er immer mehr, dass seine Existenz, wie er sie seit beinahe zweihundert Jahren kannte, definitiv vorbei war. Er erblickte sie überall, egal wo er hinging. Dennoch konnte er sich nicht dazu überwinden, sie anzusprechen. Auch wenn sie ihm ständig begegnete. Will hatte Angst vor ihrer Reaktion, wenn er sich zu erkennen gab.

Will hatte am Ende des Tresens gesessen, ein kaum angerührtes Bier vor sich stehen. Das Zeug schmeckte fürchterlich, seine Geschmacksnerven zogen sich allein von dem Geruch zusammen. Er hatte mit dem Etikett der Flasche gespielt, während er sie beobachtete. Ihre blonden Haare hatten offen ihre Schultern umspielt und sie hatte ein rotes, tief ausgeschnittenes Top über einer engen Jeans getragen. Will spürte seine ältesten und primitivsten Instinkte erwachen, wenn er sie in dieser Kleidung sah.

Ihre vollen Lippen waren zu einem breiten Lächeln geformt, als sie ein paar Leute begrüßt hatte. Wahrscheinlich Freunde von ihr. Will hatte genau beobachtet, wie sie auf die Personen zugegangen war. Er hatte sich an seine Bierflasche geklammert und plötzlich ein verdächtiges Knirschen gehört. Ruckartig hatte er die Glasflasche in seiner Hand wieder losgelassen, als er festgestellt hatte, dass sie niemanden von ihnen auf besondere Art behandelte.

Will hatte jede ihrer Bewegungen studiert, sich jede einzelne Körperhaltung genau eingeprägt. All ihre Bewegungen wirkten grazil und anbetungswürdig, selbst solch banale Dinge wie einen Schluck zu trinken. Jedes Mal, wenn sie ihre Bierflasche angehoben hatte, hatte sie jeden Finger einzeln um das grüne Glas geschlossen, als ob sie dabei fünf kleine Tasten nacheinander drücken würde. Nachdem sie die Flasche dann schließlich an ihren Mund gehoben hatte, hatten sich ihre Lippen vorsichtig um die Öffnung geschlossen. Sie hatte den Kopf ein wenig zurückgelegt und einen Schluck getrunken. Bevor sie die Flasche wieder auf den Tisch gestellt hatte, hatte sie einmal kurz über ihre Unterlippe geleckt und sich wieder an den Gesprächen ihrer Freunde beteiligt.

Will hatte ein Seufzen unterdrücken müssen. Bei jedem Atemzug hatte er eine kleine Menge ihres Parfüms wahrgenommen. Jedes Mal, wenn er diesen Duft in seine Nase gesogen hatte, hatte er sich gleich ein wenig besser gefühlt. Er hatte sogar kurzzeitig vergessen, weswegen er an diesem Tag eigentlich nach Brooklyn gekommen war. Sein Blutdurst war in den Hintergrund gerückt, für den Moment hatte nur noch sie gezählt.

Will hatte sie eine Weile beobachtet und zwischendurch an seinem Bier genippt. Irgendwann war die Flasche jedoch leer gewesen und er hatte überlegt, wie er verfahren sollte. Sollte er sie weiter beobachten und sich seinen niemals eintretenden Sehnsüchten hingeben? Oder sollte er lieber heimkehren? Er hatte es nicht gewusst. Auf der einen Seite war ihm klar gewesen, dass er nicht glücklicher wurde, wenn er sie nur betrachtete. Er sollte sich lieber mit seinesgleichen beschäftigen. Aber andererseits … ihr Anblick beruhigte das Monster in ihm. Er fühlte sich besser und nach dem ersten Schock, als er sie gesehen hatte, musste er sich nicht mehr ständig konzentrieren, um nicht aufzufallen.

»Noch eins?« Plötzlich hatte der Barkeeper vor ihm gestanden. Will hatte den Kopf gehoben – vielleicht ein wenig zu schnell – und ihn ein wenig verwirrt angeblinzelt. »Bier«, hatte der Barmann ergänzt und auf die leere Flasche mit dem eingerissenen Etikett gedeutet.

Will hatte gerade antworten wollen, doch er war nicht dazu gekommen, da er bemerkte hatte, wie jemand auf dem Barhocker neben ihm Platz nahm. »Ja, er nimmt noch eins. Mach zwei draus, George. Geht auf mich.« Bei dem Klang ihrer lieblichen Stimme in seiner unmittelbaren Nähe war er unweigerlich zusammengezuckt.

Will hatte einen kurzen, scheuen Blick zu ihr rüber geworfen und ein »Danke« gemurmelt.

George, der Barkeeper, hatte zwei neue Bierflaschen vor ihnen abgestellt und sich an das andere Ende der Bar begeben, um andere Kunden zu bedienen. Will hatte sich urplötzlich allein gelassen gefühlt. Die Sicherheit, die er sonst immer verspürt hatte, wenn er das Gefühl gehabt hatte, andere Leute würden ihn beobachten, war schlagartig verflogen. Er hatte sich in diesem Moment nicht mehr in die sichere Dunkelheit flüchten und unbeachtet bleiben können.

Auf einmal war ihm seine letzte Sitzung bei seiner Psychologin wieder eingefallen. Was hatte sie gesagt? Er sollte sich der Welt öffnen? Er hatte sich gefühlt, als wäre dies seine Chance gewesen zu beweisen, dass er dazu fähig war.

Will hatte tief Luft geholt und zum Sprechen angesetzt. Aber sie hatte ihn unterbrochen.

»Ich bin Jennifer, aber alle nennen mich Jen«, hatte sie sich vorgestellt. Obwohl er ihr nicht direkt ins Gesicht gesehen hatte, war ihm bewusst gewesen, dass sie gelächelt und sich dabei zwei Grübchen auf ihren Wangen gebildet hatten. »Ich habe dich noch nie zuvor hier gesehen.«

»Ich bin zum ersten Mal heute hier«, hatte er leise geantwortet. »Ich wollte mal etwas Neues ausprobieren.« Langsam hatte er den Kopf in ihre Richtung gedreht, immer darauf bedacht, keine hastigen Bewegungen zu machen, obwohl ihm dies einiges an Konzentration abverlangt hatte. »Will«, hatte auch er sich schließlich vorgestellt.

»Hallo Will. Schön dich kennenzulernen.« Jennifer hatte nach ihrer Bierflasche gegriffen, sie vorsichtig gegen Wills gestoßen und einen Schluck genommen. Er hatte es ihr gleichgetan und auch das Lächeln erwidert, dass sie ihm zugeworfen hatte.

Will hatte nicht gewusst, was er sonst tun sollte. Zu einer vernünftigen verbalen Antwort war er auf keinen Fall in der Lage gewesen. Bei jeder anderen Frau hätte er seinen Gedankentrick angewendet, um sie gefügig zu machen. Dann hätte er ein wenig mit ihr gespielt, um später in der Nacht eine ihrer Venen anzuzapfen. Doch dies war sie. Jennifer. Jen. Bei ihr hatte er das nicht tun können. Er wollte sie nicht beißen. Im Gegenteil, er wollte sie vor all dem Bösen beschützen, das in der Dunkelheit lauerte.

»Ich habe deine Blicke bemerkt«, hatte sie nach einem leisen Räuspern bemerkt. Vor Schreck war Will für menschliche Augen nicht sichtbar zusammengezuckt. Er hatte gedacht, er wäre diskret gewesen. Will hatte seinen Blick auf das Etikett seiner Bierflasche konzentriert, als sie weitergesprochen hatte. »Normalerweise finde ich sowas gruselig …« Sie hatte den Satz in der Luft hängen gelassen und hätte Wills Herz noch geschlagen, wäre es sicherlich aus seiner Brust gesprungen. »Aber bei dir … ich weiß nicht, du gefällst mir.«

»Es tut mir leid«, hatte Will leise geantwortet. »Ich wollte dich nicht erschrecken.«

»Das hast du nicht.« Jennifer hatte den Kopf geschüttelt, während Will sich langsam wieder getraut hatte, sie anzusehen.

Damit war das Eis gebrochen gewesen. Als Will das Lächeln in Jennifers Gesicht gesehen hatte, hatte er gewusst, dass er es tatsächlich wagen könnte. Zwar hatte er einzelne Triebe in sich enorm unterdrücken müssen, um sie nicht dennoch von sich zu stoßen, doch der Mann in ihm hatte plötzlich seine Verführungskünste ausleben wollen, ohne die Gedankenkontrolle, die eigentlich schon zu einer Selbstverständlichkeit für ihn geworden war.

Während die beiden ihr Bier getrunken hatten, war Will immer mutiger geworden. Die Unterhaltung, die er mit ihr geführt hatte, war zwar nicht tiefgehend gewesen, wie er es sich vorgestellt hatte, doch er hatte sich dennoch gefreut, dass er überhaupt dazu in der Lage gewesen war. Eine halbe Stunde zuvor war er noch der festen Überzeugung gewesen, dass er auf ewig zur Einsamkeit verdammt wäre. Doch ihre Blicke, ihr Lächeln und wie sie ihn immer wieder zufällig berührt hatte, waren der Beweis, dass er seine Existenz womöglich doch nicht alleine fristen musste.

Die Zeit war für Wills Geschmack viel zu schnell verstrichen und die Bierflaschen rasch ausgetrunken. Mit jedem einzelnen Schluck war er trauriger geworden, bald wäre die schöne Zeit mit Jennifer vorbei gewesen und er hätte sie womöglich nie wieder gesehen, wenn er nichts unternommen hätte.

Als die Flaschen schließlich komplett leer gewesen waren, war es für ein paar Sekunden still zwischen den beiden geworden. Doch es war Jennifer, die zuerst etwas gesagt hatte. »Will, ich fand es schön, mit dir zu sprechen, aber ich muss morgen wieder arbeiten. Weshalb ich jetzt langsam nach Hause sollte …« Sie hatte eine Pause gemacht. »Aber ich würde dich gerne wiedersehen. Das heißt, wenn du möchtest.«

Will war nicht umhin gekommen, als zu lächeln. Innerlich hatte er beinahe Freudensprünge gemacht. «Natürlich. Ich würde dich gerne wiedersehen, Jen.«

Daraufhin hatte sie ebenfalls gelächelt und ihm einen Zettel zugeschoben, den sie aus ihrer Handtasche gezogen hatte. Dann war sie aufgestanden und hatte sich ihre Jacke angezogen, die auf dem Barhocker neben ihr gelegen hatte. Als sie ihre Tasche über ihre Schulter gehangen hatte, hatte Will sich ebenfalls von seinem Sitz erhoben und war ihr aus der Bar gefolgt, nachdem sie sich von dem Barkeeper verabschiedet hatten.

»In welche Richtung musst du?«, hatte Will gefragt, als sie draußen auf dem Bürgersteig gestanden hatten. Er hatte sie noch nicht gehen lassen wollen. Vor allem, da es für ihn noch früh gewesen war. An Schlaf hatte er in diesem Moment unmöglich denken können.

»Ich muss neun Blocks die Straße runter«, antwortete sie und seufzte leise.

Will hatte wusste, warum sie geseufzt hatte. Um diese Uhrzeit als Frau allein durch Brooklyn zu laufen, schien nicht gerade die beste Idee zu sein, denn ihm war bewusst, was in den dunklen Ecken und Gassen lauerte. Geschöpfe wie er versteckten sich dort, die nur darauf warteten, eine junge Frau auf dem Heimweg abfangen zu können, um sie zu ihrer Hauptspeise zu machen.

Dies hatte Will nicht zulassen können. Urplötzlich hatte ihn der Drang gepackt, Jennifer beschützen zu müssen. »In die Richtung muss ich auch«, hatte er gesagt, was natürlich gelogen gewesen war. Wills Quartier befand sich in Manhattan, was genau in der anderen Richtung lag. Doch er hatte sie nicht alleine lassen können. »Ich begleite dich.«

Ein lautes Klirren ließ Will aus seiner Erinnerung schrecken. Beinahe hatte er vergessen, wo er sich befand. Doch das vermutlich eingeschlagene Fenster holte ihn in die Realität zurück. Kurz darauf hörte er Schritte. Hatte man ihn nun entdeckt?

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