Kapitel 4

«Eigentlich ist das total verrückt, wenn man bedenkt, dass wir Vampire quasi alle von ihm abstammen.»

«Wir … WAS?» Verblüfft sah ich Carter an. Der Jäger war …

«Ja, du hast richtig gehört. Der Jäger ist der Grund, warum es überhaupt Vampire auf der Erde gibt. Bei seinem ersten Besuch an der Oberfläche hat es ihm gefallen, er war fasziniert von den Lebewesen, ganz besonders von den Menschen. Er hat sich zunächst an ein paar Tieren vergriffen, die auf direktem Weg in die Hölle gefahren sind. Einer von ihnen ist jetzt immer an seiner Seite. Doch die Tiere haben ihm nicht gereicht. Er hat sich eine Frau ausgesucht, er wollte sie besitzen. Aber durch das Gift, welches ihn in Körper und Geist umgibt, hat er sie verseucht und zum ersten richtigen Vampir gemacht. Dass Vampire sich nur in der Nacht frei bewegen können, haben wir auch ihm zu verdanken. Man könnte es ein Erbe nennen. Er kann sich nur für eine gewisse Zeit hier aufhalten und nur in der Nacht. Letzteres ist auf die Vampire übertragen worden.

Dem Schöpfer hat es natürlich gar nicht gefallen, dass sich ein Wesen der Hölle an seinen Kreaturen vergriffen hat. Er hat die Menschen geschaffen und wenn der Jäger als ein Abkömmling des Teufels ein böses Spiel mit ihnen treibt, ist klar, dass er sich nicht darüber freut.»

«Deswegen auch dieses Spiel, was die beiden spielen?»

Carter nickte. «Er akzeptiert unsere Existenz. Er war auch derjenige, der uns erlaubt hat, dauerhaft auf der Erde zu bleiben. Als Rache gegen den Jäger und den Teufel sozusagen.»

«Wieso verfolgt uns der Jäger?», fragte ich nach, obwohl ich nach Carters Erklärung, was die himmlischen Gründe anging, bereits eine Vermutung hatte.

«Er konnte nicht glauben, dass die Frau, die er verwandelt hatte, immerzu auf der Erde sein konnte und nicht wie er an die Hölle gebunden war. Er hat versucht, sie mit sich zu reißen, aber sie war schlauer als er. Sie hat weitere geschaffen, die so waren wie sie und sich auf diese Weise einen Vorteil ihm gegenüber verschafft. Der Jäger hat daraufhin beinahe den letzten Rest klaren Verstandes verloren und geschworen wieder zu kehren. Er hat gesagt, dass er jeden einzelnen Vampir, der auf der Erde existiert, vernichten würde.» Carter hatte mir während dieser Rede die ganze Zeit in die Augen gesehen.

«Aber die Vampire wollen nicht in die Hölle. Sie wollen auf der Erde bleiben und wehren sich mit Händen und Füßen, damit das auch so bleibt», sprach ich meine Gedanken aus. Carter nickte.

«Ich hoffe, du verstehst jetzt ein bisschen, warum ich nicht zulassen kann, dass er diesen Teil von dir behält. Aus der Hölle gibt es kein Entrinnen mehr, aber bei dir ist es eine andere Sache, da er nur einen kleinen Teil von dir besitzt. Ich hoffe, dass ich diesen Teil zurückholen kann.»

«Ja, ich verstehe dich jetzt ein wenig … Aber ich weiß trotzdem nicht, ob ich das gut finden soll. Immerhin lebe ich noch, er hat mich nicht komplett erwischt. Ich bin noch hier und ich bin bei dir.» Ich hätte ja auch verschwinden und vor Carter und dem Jäger fliehen können.

«Ich freue mich, dass du bei mir bist, aber …» Zum ersten Mal seit ein paar Minuten wandte er den Blick von mir ab. «Ich muss es trotzdem tun.»

«Nur aus reiner Neugier … Wie tötet man eigentlich einen Vampir?»

«Man muss sein Herz durchbohren. Egal womit. Ein fester Stoß und alles ist vorbei.»

«Und den Jäger?»

«Man kann ihn nicht töten. Aber man kann ihn so sehr verletzen, dass er gezwungen ist, sich in der Hölle zu regenerieren.»

Ich fragte mich, wie groß die Erfolgschancen diesbezüglich waren. Was passierte, wenn der Jäger stärker als Carter war und ihn mit sich riss. Was würde dann mit mir passieren? Alleine in einer Welt, die komplett neu für mich war? Nein, das konnte ich nicht zulassen. Auch wenn ich Carter nicht kannte, er war meine einzige Bezugsperson und ich konnte ihn nicht verlieren.

Carter verfolgte scheinbar meine Gedanken, denn urplötzlich legte sich ein Lächeln auf seine Züge.

«Du wirst dich ihm trotzdem stellen, oder?»

Carter nickte lediglich, ehe Stille zwischen uns eintrat. Ich traute mich nicht mehr, noch etwas zu erwidern, weil ich anhand der Ehrlichkeit in seinen Worten spürte, dass ich ihn sowieso nicht vom Gegenteil überzeugen konnte. Meine einzige Hoffnung war, dass er sich mit der Zeit von selber beruhigte.

«Es ist ein seltsames Gefühl, mit dir hier zu sein», sagte er nach ein paar Minuten. «Vor allem, da du auf meinem Bett sitzt.» Ein verschmitztes Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus. «Das letzte Mal, als du hier warst, haben wir …»

«Stopp!», ging ich dazwischen. «Ich kann mir vorstellen, was du mir erzählen willst. Aber ich will das jetzt nicht hören.» Würde er von unserer Beziehung sprechen, könnte ich das nicht ertragen. Ich hatte zwar die Gefühle gespürt, die zwischen uns gewesen waren, als ich in der Krypta diese Erinnerung gehabt hatte, aber das hieß noch lange nicht, dass ich auch darüber reden wollte.

Er sah mich entschuldigend an. «Ich habe daran nicht gedacht. Mir geht nur gerade einiges im Kopf herum und ich muss mich irgendwie ablenken.» Er senkte den Blick und sah in seinen Schoß.

«Immer noch der Jäger?»

«Ja, er ist momentan ständig Teil meiner Gedanken. Aber eigentlich frage ich mich gerade, wie es gewesen wäre, wenn ich dich nicht verwandelt hätte.» Als er den Kopf wieder hob und ich seine Augen sah, spiegelten sich dort jede Menge Emotionen wider. Angst und Verzweiflung waren nur zwei von ihnen.

«Was wäre dann passiert?» Neugier machte sich in mir breit. Ich hatte bisher nicht darüber nachgedacht, aber nachdem er es erwähnte, wollte ich mehr darüber erfahren. «Warum hast du mich verwandelt?»

«Weil es der einzige Ausweg zu sein schien.» Ein trockenes Lachen entfuhr ihm.

«Ich verstehe nicht. Was für ein Ausweg? Wie lange ist der Jäger schon hinter dir her?»

«Er will uns in die Hölle holen, wie ich dir eben erzählt habe. Mich hasst er besonders, weil ich seinen dämlichen Köter einmal ziemlich stark verletzt habe. Das war vor achtundneunzig Jahren, zwei Jahre, nachdem ich selber verwandelt wurde.»

«Dass du schon hundert Jahre alt bist, sieht man dir überhaupt nicht an.» Ich musste kichern.

«Eigentlich sogar hundertzweiundzwanzig. Ich war zweiundzwanzig, als ich verwandelt wurde.» Er lächelte flüchtig in meine Richtung, ehe er wieder zum eigentlichen Thema zurückkehrte. «Auf jeden Fall setzt der Jäger seitdem alles daran, mich zu erwischen. Und deshalb hat er auch versucht, mich über dich zu erwischen. Er hat zu dir Kontakt aufgenommen und wollte dich auf seine Seite ziehen … aber du hast ihn auflaufen lassen und mir alles erzählt. Doch er hat sich von seinem Plan, mich zu erwischen, nicht abbringen lassen. Dafür wird er auch büßen.»

Langsam ging mir ein Licht auf. Ich verstand, warum Carter und ich uns darauf geeinigt hatten, mich zu verwandeln. «Du wolltest nicht, dass er mir in meinem sterblichen Körper etwas antut, oder?»

Carter nickte. «Ja, du warst viel zu schwach, um es mit ihm aufzunehmen. Als Vampir hast du wenigstens die Chance, dich zu wehren, ohne dass er dich gleich umbringt, wenn ich nicht in der Nähe sein kann.» In seinen Augen war Reue zu sehen. «Wenn ich gewusst hätte, dass so etwas passiert, hätte ich dich nicht verwandelt.»

Alle möglichen Gedanken schwirrten durch meinen Kopf. Wilde Vermutungen und die verrücktesten Bilder liefen wie ein Film vor meinem inneren Auge ab. Der Jäger hatte mich dazu benutzen wollen, um an Carter zu gelangen und ich hatte zugestimmt, ihm in seine Welt zu folgen, um einer Gefahr für mich so gut es ging aus dem Weg zu gehen.

Wie groß musste meine Liebe für ihn gewesen sein, wenn ich solch einen Schritt ging, um so etwas zu verhindern? Um Carter auf eine gewisse Art und Weise zu retten …

Automatisch glitt meine Hand zu seiner, welche auf seinem Bein lag. Mit festem Griff umfasste ich seine Finger und hob anschließend den Blick. Carter sah ebenfalls auf, sodass unsere Augen sich trafen.

Er brauchte nichts zu sagen, ich wusste genau, was gerade in ihm vorging. Ich konnte die Gefühle sehen, die in ihm tobten. Dieses Leuchten weckte ein warmes, angenehmes Gefühl in mir. Die Zuneigung, die er für mich empfand, war spürbar. Jede Faser meines Körpers nahm sie wahr, auch meine Hände begannen zu kribbeln.

Unbemerkt kamen wir einander näher, bis uns nur noch wenige Zentimeter trennten. Ich konnte seinen Atem auf meinem Gesicht fühlen, so nah war er mir.

Schlagartig wurde mir klar, was ich im Begriff war zu tun. Trotzdem konnte ich mich kein Stück rühren. Während meine Gedanken sich mit der Frage beschäftigten, ob ich ihn küssen sollte oder nicht, stellte mein Körper sich schon auf die Berührung ein.

Aber bevor es dazu kommen konnte, klingelte Carters Handy.

Erleichterung und Enttäuschung machten sich gleichzeitig in mir breit, nachdem wir uns beide zurückgezogen hatten. Carter stand wortlos vom Bett auf und erklomm die Treppe ins obere Stockwerk, wo sein Handy anscheinend lag.

Meine angeborene Neugier ließ mich die Ohren spitzen, weil ich wissen wollte, mit wem Carter redete, doch ich verstand kein einziges Wort. Entweder konnte ich durch die Mauern des Gebäudes nichts hören oder Carter redete absichtlich leise.

Während er weg war, beruhigt ich mich und meine Gefühle ein wenig. Aber die Frage, ob ich ihn geküsst hätte, wenn das Handy nicht gewesen wäre, beschäftigte mich trotzdem. Wie hätte es sich angefühlt? Vielleicht wären einige Erinnerungen zurückgekehrt, wenn es dazu gekommen wäre.

Ich wusste nicht, was ich denken und woran ich glauben sollte. Frustriert ließ ich mich auf das Bett fallen und bedeckte meine Augen mit meinen Armen.

All das war verwirrend und machte mir gleichzeitig Angst. Nicht nur der Jäger und was Carter mir erzählt hatte, sondern auch meine eigenen Gefühle. Ich konnte mich weiterhin nicht daran erinnern, Carter bereits einige Monate zu kennen, gleichzeitig begann mein logischer Verstand an meiner Erinnerung zu zweifeln. Wenn ich meinen Körper sah, mein Gesicht, alles an mir, was einen Vampir ausmachte, konnten meine Gedanken an die vergangene Zeit nicht der Wahrheit entsprechen.

Ein paar Minuten später hörte ich Schritte auf der Treppe und als ich die Arme von meinem Gesicht nahm, sah ich Carter neben dem Bett stehen.

«Lass uns ein wenig gegen deinen Durst kämpfen. Die Gelegenheit ist günstig. Der Jäger ist sehr weit weg», sagte er.

«Woher weißt du das?»

«Ein Bekannter aus New Orleans hat angerufen. Der Jäger ist ihm auf den Fersen.» Auf eine seltsame Art und Weise sah er zufrieden aus. Wahrscheinlich lag es daran, dass wir in Sicherheit waren, weil der Jäger nicht in unserer Nähe war.

Trotzdem hatte ich Zweifel. «Und er kann nicht einfach aus dem Nichts auftauchen?»

Carter schüttelte den Kopf. «Nein, nicht solange ich bei dir bin. Ich spüre, wenn er auf dem Weg zu uns ist. Jetzt komm.»

Ich folgte ihm aus dem Haus und gemeinsam machten wir uns auf den Weg zurück in die Zivilisation. Carter hatte mir zwar versichert, dass wir momentan sicher vor dem Jäger waren, trotzdem hatte ich Zweifel. Ein ungutes Bauchgefühl sagte mir, dass diese Nacht nicht so friedlich enden würde, wie Carter mir hatte weismachen wollen.

Es dauerte nicht lange, bis wir den Wald verließen und auf einem kleinen Hügel standen, in deren Nähe sich ein Vorort Chicagos befand. Nur vereinzelt konnte man Lichter in den Häusern ausmachen. Allerdings war dies auch kein Wunder, denn es war tiefe Nacht und die meisten Menschen schliefen um diese Uhrzeit.

Wir näherten uns dem kleinen Ort bis auf wenige Meter, als Carter plötzlich stehen blieb. «Folge einfach deinen Instinkten», sagte er mir. Obwohl er ruhig sprach, drückte sein Verhalten Nervosität aus. Ich konnte nicht erklären, woher dies auf einmal kam, vermutete jedoch dass er einfach nur Angst hatte, ich würde mich nicht kontrollieren können.

«Was ist, wenn ich zu weit gehe?», fragte ich und spürte durch die Nähe zu den Menschen, wie mein Gesicht sich veränderte und meine Zähne aus meinem Kiefer traten.

«Ich werde auf dich aufpassen.» Er lächelte mir zu.

Instinktiv griff ich nach seiner Hand, welche Carter aufmunternd drückte, ehe wir unseren Weg fortsetzten. Er führte mich zu einem Haus am Rand des Ortes, in welchem Licht brannte. Da die Hintertür nur angelehnt war, wie wir schnell feststellten, war es kein Problem, ins Innere zu gelangen und den nichtsahnenden Bewohner zu überfallen.

Blitzschnell hechtete ich durch den Türrahmen, direkt auf den Mann zu, der in seinem Sessel vor dem Fernseher saß. Meine Instinkte verrieten mir, in welche Stelle seines Halses ich meine Reißzähne versenken musste, um seine Vene zu treffen. Kaum hatte ich zwei Löcher in seine Haut geschlagen, strömte auch schon das warme Blut in meinen Rachen. Augenblicklich erfüllte mich ein Gefühl der Zufriedenheit und das Brennen in meiner Kehle erlosch mit jedem Schluck mehr.

Mit geschlossenen Augen hing ich über ihm, unbeeindruckt von seinen Versuchen, sich gegen mich zu wehren. Er stemmte sich mit den Händen gegen meinen Körper, doch ich war zu stark für ihn. Keinen Zentimeter konnte er mich von sich schieben. Seine Gegenwehr war kaum spürbar.

Carter beobachtete mich die ganze Zeit, während ich das Blut in mich aufnahm. Er selber brauchte nichts zu sich zu nehmen, wie er mir auf dem Weg hierher versichert hatte. Für ihn reichte es, einmal pro Nacht zu trinken.

Ich wusste nicht, wie viel Zeit vergangen war, doch irgendwann spürte ich eine Hand an meiner Schulter. Fauchend ließ ich von dem Hals des Mannes ab und knurrte Carter reflexartig an.

«Es ist genug, Alexandra», sagte er ruhig und zog mich von meinem Opfer. Ich versuchte mich gegen ihn zu wehren, da ich das Gefühl des Blutes in meiner Kehle nicht missen wollte. «Du bringst ihn sonst um», sprach Carter weiter.

Als diese Worte meinen Verstand erreichten, beruhigte ich mich langsam und gab meine Gegenwehr auf. Töten wollte ich niemanden. Es hatte gereicht, dass ich es bei Allison beinahe getan hatte.

Ich entfernte mich von dem Mann, der zwar bei Bewusstsein war, aber schwach in seinem Sessel hing. Carter gab ihm einen klitzekleinen Tropfen seines Blutes und erklärte mir, dass er sich dadurch nicht an uns erinnern und die Wunde an seinem Hals sich schließen würde. Damit waren auch meine Zweifel bezüglich Allison aus der Welt geschafft, da ich nach wie vor Angst gehabt hatte, wie sie reagieren würde, wenn sie wieder zu sich kam.

Als wir das Haus wieder verließen, wurde Carter zunehmend nervöser. «Was ist mit dir los? Eben war doch noch alles in Ordnung.»

«Nichts, ignorier das einfach.» Er winkte ab, um mich zu beruhigen. «Mit mir ist alles okay.» Trotzdem sah er sich nervös um und wandte den Kopf immer wieder nach links und rechts.

«Ich sehe doch, dass etwas nicht stimmt. Um das zu kapieren, brauche ich keine Vampirfähigkeiten. Was ist los?», fragte ich bestimmt, blieb stehen und stemmte die Arme in die Hüften.

«Gar nichts», erwiderte er energisch und blieb ebenfalls stehen. Ich hob eine Augenbraue, da ich ihm kein einziges Wort glaubte.

Als er mir gerade antworten wollte, passierte es. Ein kleines Inferno in unmittelbarer Nähe kündigte seine Ankunft an. Obwohl ich ihn noch nie gesehen hatte, wusste ich sofort, dass der Jäger mir gegenüber stand. Ich wandte den Blick von Carter ab und starrte das Ungeheuer mit offenem Mund an.

Kapitel 5

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