Kapitel 4

Als die beiden wieder auf dem Zirkusgelände waren, machten sie sich sofort auf den Weg zu dem großen Zelt, in dessen Manege Michael gerade mit seinen Tigern trainierte. Bevor sie allerdings einen Zugang suchten, blieb Mackenzie stehen und suchte ihr Handy in ihrer Handtasche, um die Polizei zu verständigen. Nachdem dies erledigt war, steckte sie das Gerät wieder weg, sah sich kurz um und zog ihre Waffe aus ihrer Handtasche.

Als Mackenzie wieder aufsah, blickte sie in das fragende und zugleich wütende Gesicht ihrer Freundin. „Sag mir bitte nicht, dass du die in den Flieger geschmuggelt hast!“

„Hältst du mich für vollkommen bescheuert?“, entgegnete Mac und tippte sich mit dem Finger an die Stirn. „Ich umgehe zwar gerne ein paar Vorschriften, aber ich mache mich nicht mutwillig strafbar. Alles hat seine Richtigkeit und ich kann dir von mir aus auch die Genehmigung zeigen.“

Zoey schüttelte den Kopf. „Nicht nötig, ich glaube dir. Es kam nur so … unerwartet.“

„Ich bin eben immer für eine Überraschung gut.“

„Wie auch immer, irgendwie bin ich froh, dass wir nicht völlig wehrlos sind, sollte dieser Richard Recht haben mit dem, was er uns gerade erzählt hat.“

„Genau deswegen habe ich die Waffe heute dabei.“ Mackenzie kontrollierte das Magazin, sicherte die Waffe wieder und steckte sie in ihren Gürtel, um sie greifbar zu haben, sollte es zum Äußersten kommen.

„Du schleppst das Ding doch sicherlich schon seit Anfang des Urlaubs mit dir herum, oder?“, fragte Zoey mit verschränkten Armen.

Mackenzie grinste entschuldigend. „Ich kann einfach nicht ohne.“

„Du hast echt einen Vogel und solltest eine Therapie machen, Darling.“ Zoey verdrehte die Augen. „Aber egal, wir haben einen Fall zu lösen.“

Mackenzie nickte und gemeinsam betraten sie das riesige Zelt durch einen Seiteneingang. Es war gespenstisch ruhig im Inneren, nur ein paar leise Knallgeräusche der Peitsche des Dompteurs waren zu hören. Nachdem sie ein paar Vorhänge durchschritten hatten, standen sie nun im Zuschauerraum, der direkt an die Manege angrenzte.

In der Mitte war ein großes Gehege aufgebaut, in dem sich die fünf Königstiger befanden, die Zoey und Mackenzie bereits am Vorabend in der Vorstellung gesehen hatten. Michael stand vor den Tieren und rief ihnen Kommandos zu, die sie anstandslos befolgten.

Mackenzie und Zoey blieben am Rand der Manege stehen, lediglich etwa zwei Meter trennten sie von einem der Tiger, welcher auf einem großen Hocker platzgenommen hatte. Sein langer Schwanz bewegte sich hypnotisierend vor ihren Augen hin und her, während seine volle Aufmerksamkeit auf den Dompteur gerichtet war. Mackenzie wandte mit Mühe und Not den Blick ab, sie hatte einen riesengroßen Respekt vor diesen Raubkatzen. Und auch wenn sie durch ein Gitter von ihnen getrennt waren, konnte sie die aufkommende Gänsehaut nicht verhindern.

Gerade als sie sich ihm zuwandte, schien Michael sie bemerkt zu haben. Er rief seinen Tigern ein weiteres Kommando zu, die sich daraufhin geschlossen auf ihre Hocker bewegten und dort blieben. Michael winkte den beiden Frauen zu, damit sie näher zu ihm kamen und kam ihnen entgegen, sodass sie sich am Gitter trafen.

„Auch wenn ich nicht glaube, dass Sie Erfolg bei Ihrer weiteren Suche hatten, interessiert mich doch, warum Sie mich beim Training stören. Ich nehme an, Sie sind auf etwas gestoßen, oder?“, sagte er, als sie direkt voreinander standen.

„Wir werden Sie nicht lange aufhalten, wir haben nur einige weitere Fragen“, antwortete Zoey. Mackenzie wusste genau, was sie vorhatte. Zoey wollte ihn dazu bringen, die Tat von sich aus zuzugeben, denn jegliche Anschuldigung von ihrer Seite hätte nur Verleugnung zur Folge.

„Worum geht es denn?“, fragte er und warf immer wieder einen Blick zu den Tigern, die nach wie vor auf ihren Hockern thronten und zwischendurch ein leises Brüllen oder Schnurren von sich gaben.

Mackenzie betrachtete Zoey kurz und wandte sich schließlich an Michael. „Wir sind bei unserer Recherche auf ein paar Widersprüche gestoßen. Wir haben uns gefragt, warum der Direktor seine Existenz aufs Spiel setzen würde, indem er wegen einer solchen Lappalie-“, Mac malte Anführungszeichen in die Luft, „-gleich einen Angestellten tötet. Es ergibt keinen Sinn. Weiterhin haben wir Zeugen, die belegen, dass Andrew zum Zeitpunkt der Entwendung der Schlange gar nicht in der Nähe des Terrarien-Wagens war. Er kann es also rein logistisch nicht gewesen sein.“

„Ich sagte doch bereits, dass es insgesamt fünf Personen gibt, die Zutritt zu den Reptilien haben. Andrew könnte Hilfe gehabt haben, er muss die Schlange schließlich nicht selber aus dem Terrarium befreit haben.“

„Ich glaube, Sie verstehen nicht ganz, worauf wir hinauswollen“, mischte Zoey sich ein. „Wir fragen uns eher, wo Sie zu diesem Zeitpunkt gewesen sind. Wir haben mit den anderen Personen gesprochen, die ebenfalls Zutritt zu den Schlangen haben…“ Sie ließ den Rest ihrer Rede in der Luft hängen, da Michael genau in diesem Moment puterrot im Gesicht wurde. Er sah aus, als würde er gleich explodieren.

„Was wollen Sie mir damit sagen?“, presste er aus zusammengebissenen Zähnen hervor.

„Wir würden nur gerne wissen, wo Sie gestern um die Zeit waren, als die Schlange verschwunden ist.“ Mackenzie verschränkte die Arme vor der Brust und sah ihn abwartend an.

„Mit wem haben Sie gesprochen?“, fragte er ausweichend und festigte den Griff um seine Peitsche, die er in der rechten Hand hielt.

„Sie haben meine Frage nicht beantwortet.“

„Ich habe mich auf die Vorstellung vorbereitet. Was soll ich sonst getan haben?“

„Kann das jemand bestätigen?“ Mackenzie spielte mit dem Feuer, das wusste sie genau. Sie reizte ihn immer weiter, bis er schließlich von sich aus zugab, dass er nicht gerade unschuldig gewesen war.

„Ich bereite mich immer vollkommen alleine auf meine Auftritte vor. Ich war in meinem Wagen und habe mich konzentriert, bevor ich zu den Tigern gegangen bin.“

„Hören Sie auf zu lügen! Wir wissen, dass es anders war!“, platzte Zoey dazwischen. Mackenzie drehte sich verwundert zu ihrer Freundin, es war eine Seltenheit, dass sie die Fassung verlor und laut wurde. „Wir haben mit Richard gesprochen. Sie wissen, von wem ich rede, nicht wahr? Er hat uns von ihrem kleinen Überfall von früher erzählt und auch, dass Sie ihm gedroht haben! Geben Sie’s verdammt noch mal endlich zu!“, schrie sie und wurde noch lauter.

„Sie wollen, dass ich gestehe? Was wollen Sie dann tun, hm? Mich festnehmen? Da muss ich Sie enttäuschen. Die dämlichen Bullen werden Ihnen sowieso kein einziges Wort glauben und die Aussage eines Ex-Knackis zählt noch weniger.“ Michael war nahe an das Gitter herangetreten und hatte die Worte durch das Gitter gezischt.

„Warum wollten Sie Richard umbringen?“, fragte Zoey weiter.

Ein trockenes Lachen entfuhr Michael. „Also gut, wenn Sie es unbedingt wissen wollen… Er hätte mich sonst verpfiffen, ganz einfach. Ich bin seit ewigen Zeiten um den Knast herum gekommen, ich lasse mir mein mühevoll aufgebautes Leben nicht von diesem Flachwichser kaputt machen! Dass es George getroffen hat, war nicht beabsichtigt, aber so hat Richard wenigstens gemerkt, dass man mir nicht drohen sollte. Ich hoffe, er hat daraus gelernt.“

„Sie egoistisches Arschloch! Sie haben jemanden umgebracht – schon wieder! Bereuen Sie die Tat denn überhaupt nicht?“ Mackenzie stampfte mit dem Fuß auf den Boden, während sie ihm die Worte um die Ohren schlug.

„Ich bin doch davon gekommen, oder nicht? Dieser bescheuerte Detective glaubt, Andrew hätte George auf dem Gewissen, weil der mit seiner Frau gepennt hat.“ Er zuckte mit den Achseln, als wäre es ihm wirklich gleichgültig, was er getan hatte. „Und wenn Sie mich jetzt entschuldigen würden, ich muss noch einen Taipan zurück bringen.“

Mit einem Nicken entfernte er sich von dem Gitter und wandte sich seinen Tigern zu. Doch anstatt weiter mit ihnen zu trainieren, schickte er einen nach dem anderen weg, um dann selber auf diesem Weg zu verschwinden.

„Verdammt!“, fluchte Mackenzie und schlug verärgert gegen das Gitter.

„Ganz ruhig, Mac. Wir kriegen ihn schon“; sagte Zoey neben ihr und ließ ihren Blick am Gehege entlang schweifen.

„Hast du einen Plan?“

„Natürlich habe ich den.“ Sie zwinkerte ihr zu und lief am Rand des Geheges entlang, um zu der fünf Meter entfernten Tür zu gelangen, die in den Käfig führte. „Ruf Stapleton an und sag ihm, er soll seinen Arsch endlich her bewegen!“, rief sie über ihre Schulter, bevor sie nach dem Türknauf griff.

„Was hast du vor? Zoey!“, rief Mac ihr hinterher. Beinahe panisch warf sie immer wieder einen Blick zwischen ihrer besten Freundin und den Tigern hin und her, die noch nicht aus dem Käfig heraus waren. Doch Zoey schien dies nicht zu bemerken. Sie öffnete die Tür und betrat das Gehege. „Scheiße, Scheiße, Scheiße!“, fluchte Mackenzie und machte sich reflexartig ebenfalls auf den Weg in das Gehege. Das Telefonat mit Stapleton war jetzt unwichtig.

Der letzte Tiger war noch nicht ganz aus dem Tor hinaus, als er die Geräusche vernahm, die Zoey machte. Der Tiger drehte sich blitzartig um, so schnell, dass nicht einmal Michael reagieren konnte, und rannte auf Zoey zu. Michael brüllte wiederholt den Namen des Tigers, doch er konnte ihn nicht aufhalten.

Das Tier war völlig auf Zoey fokussiert, die zur Salzsäule erstarrt war. Ohne lange zu überlegen zog Mackenzie ihre Waffe und zielte auf den Tiger, der gerade zum Sprung ansetzte. Obwohl ihre Finger zitterten, schaffte sie es dennoch den Abzug zu betätigen, woraufhin ein ohrenbetäubender Knall im Zelt ertönte.

Gerade noch rechtzeitig hatte Mackenzie den Tiger erwischt und er sackte in sich zusammen. Allerdings hatte er sich gerade im Sprung befunden und fiel unkontrolliert auf den Boden – direkt auf Zoey. „Nein!“, schrie Mackenzie und sprintete zu ihrer Freundin, die hilflos unter dem toten Tier lag. Mac schob den Tiger von ihr und schaffte es unter größter Anstrengung, ihre Freundin zu befreien, die sich keuchend auf die Seite rollte.

„Ist alles okay bei dir?“, fragte Mackenzie.

„Geht schon, ich fühle mich nur, als wäre ein Tiger auf mich gefallen“, antwortete sie mit einem gequälten Lächeln. Selbst in Situationen wieder dieser musste sie Scherze machen. Mackenzie konnte nicht anders als ebenfalls zu grinsen.

„Bye, Mädels. Ich sehe, ihr seid beschäftigt.“ Michael. Mackenzie hatte ihn beinahe vergessen und als sie den Blick hob, sah sie ihn gerade zwischen zwei Vorhängen verschwinden.

„Geh!“, murmelte Zoey, die immer noch im Sand in der Manege lag. „Lass ihn nicht entkommen!“ Mackenzie nickte, stand vom Boden auf und lief Michael hinterher.

„Halt! Stehen bleiben! Im Namen der kanadischen Polizei in Vertretung für die Deppen hier aus Melbourne nehme ich Sie fest!“ Mackenzie hob ihre Waffe erneut und zielte auf Michael, der ihr über die Schulter zuzwinkerte.

„Vergessen Sie’s!“, rief er, rannte weiter und ließ Mackenzie damit keine andere Wahl. Sie betätigte erneut den Abzug und traf ihn am Oberschenkel, woraufhin er zusammenbrach und sich vor Schmerzen auf dem Boden wand.

Mackenzie legte die restlichen Meter zu ihm zurück und stand mit gezogener Waffe über ihm. „Auf die Gefahr hin, mich zu wiederholen, aber Sie sind festgenommen!“

„Du dämliche Ziege!“, fluchte er gequält und hielt sich die Stelle am Bein, wo Mac ihn getroffen hatte. „Das wird Konsequenzen haben!“

„Oh ja, die wird es definitiv geben“, ertönte eine bekannte Stimme hinter Mac. Stapleton und sein Team war endlich angekommen. „Aber nicht unbedingt für Miss Parker, sondern für Sie, Mr. Gibbs. Oder sollte ich besser Mr. Tompson sagen?“

Hörbar erleichtert stieß Mackenzie die Luft aus. Auf eine verdrehte Art und Weise war sie froh, Stapleton zu sehen.

„Hören Sie auf so einen Scheiß zu reden und holen Sie lieber einen Arzt! Die Schlampe hat mich angeschossen! Außerdem hat sie einen meiner Tiger auf dem Gewissen!“ Er lag mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden und sah gleichzeitig ziemlich wütend aus.

„Ich kann auch gerne noch einen draufsetzen“, antwortete Mackenzie mit einem Grinsen im Gesicht, als sie ihre Waffe erneut direkt auf Michael richtete.

„Strapazieren Sie Ihr Glück heute nicht über, Miss Parker.“ Stapleton warf ihr einen alles sagenden Blick zu, woraufhin Mackenzie noch mehr grinsen musste. Er schüttelte den Kopf und rief nach dem Notarzt, der ebenfalls eingetroffen war.

~*~

Etwa anderthalb Stunden später war endlich alles geklärt. Michael Gibbs – besser bekannt als William Tompson – war auf dem Weg ins Krankenhaus mit direktem Fahrschein ins Gefängnis und alle Zeugen waren erneut befragt worden. Auch Andrew Firestone sowie der Schlangenbeschwörer waren wieder auf freiem Fuß. Lediglich der tote Tiger würde Mackenzie noch einigen Papierkram bescheren, da diese Tiere unter Artenschutz standen. Doch dies rückte für den Moment in den Hintergrund, denn der Fall war vernünftig aufgeklärt und das war alles, was zählte. Stapleton hatte seinen Fehler eingesehen, nachdem er den Zirkusdirektor zum wiederholten Male befragt und die Löcher in seiner Beweisführung entdeckt hatte. Er hatte es zwar nicht gerne getan, aber er entschuldigte sich bei Mackenzie und Zoey, dass er Ihnen nicht sofort zugehört hatte.

Die beiden Polizistinnen sollten am nächsten Tag noch einmal ins Revier kommen, um ihre Aussagen zum heutigen Tathergang zu Protokoll zu geben, dann wäre die Sache erledigt.

Als Stapletons Team schließlich alles zusammenpackte, verabschiedeten sich Mackenzie und Zoey von dem Detective und machten sich ebenfalls auf den Weg ins Hotel.

„Ereignisreicher Tag, findest du nicht?“, fragte Mac und knuffte Zoey in die Seite, die daraufhin leicht zusammenzuckte. „Ist wirklich alles in Ordnung mit dir?“

„Ja, bestens. Mir tut nur alles weh und ich bin total platt.“

„Kein Wunder, auf dir ist immerhin ein Tiger gelandet. Es ist erstaunlich, dass dir nichts Schlimmeres passiert ist. Aber ich verstehe dich, ich bin auch vollkommen fertig. Ich bin nur heilfroh, dass alles gut ausgegangen ist.“ Mackenzie legte einen Arm um ihre beste Freundin und verließ mit ihr gemeinsam das Zirkusgelände.

„Mac?“, fragte Zoey nach ein paar Metern.

„Ja?“

„Können wir heute Abend ausnahmsweise einmal nichts tun?“

„Nichts lieber als das, glaub mir.“

E N D E

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