Kapitel 2

Mackenzie schnaubte und verdrehte die Augen. „Amateurhaftes Halbwissen bringt uns nicht weiter“, murmelte sie leise, sodass nur Zoey sie verstehen konnte und zog ein Paar Untersuchungshandschuhe aus ihrer Handtasche. Zoey schaffte es mit Mühe ein Kichern zu unterdrücken. Nur ihre beste Freundin hatte Handschuhe dabei, um an einem Tatort keine Spuren zu verwischen, während sie im Urlaub war… in einem anderen Land… auf einem fremden Kontinent.

„Gehe ich recht in der Annahme, dass du auch für mich noch ein Paar hast?“, fragte sie schmunzelnd und warf einen ersten Blick auf den Mann, der bewusstlos im Eingang des Wohnwagens lag. Auf den ersten Blick wirkte er, als würde er schlafen. Keine offensichtlichen Wunden zierten seinen Körper und sein Gesicht war auch nicht schmerzhaft verzogen. Trotzdem überkam Zoey ein ungutes Gefühl. Er lag einfach zu still und regungslos da.

„Selbstverständlich.“ Mac griff erneut in ihre Tasche und drückte ihr die geforderten Handschuhe in die Hand, die Zoey sich sofort überstreifte.

„Für alle Umstände gerüstet, hm?“, fragte sie, betrat vorsichtig den Wohnwagen und kniete sich neben den Kopf des Mannes. Mit den Fingerspitzen suchte sie an seinem Hals nach einem Puls. „Nichts“, seufzte sie nach einigen erfolglosen Versuchen bedrückt.

„Scheiße.“ Mackenzie verengte die Augen und drehte sich zu der Menge hinter ihr um. „Wie lange liegt er schon hier?“

Gemurmel erstand, einige Leute drehten sich zur Seite oder nach hinten, bis schließlich eine zierliche Frau nach vorne trat. „Ich habe ihn gefunden“, sagte sie mit leiser Stimme. „Das war vielleicht vor etwa fünfzehn Minuten?“

„Vielleicht?“ Obwohl Zoey ihr Gesicht nicht sehen konnte, war sie sicher, dass ihre beste Freundin die Augen verdrehte. „Hat er zu dem Zeitpunkt noch gelebt?“

Die Frau schien noch kleiner zu werden, zuckte mit den Schultern und sah sich hilfesuchend um. „Ich weiß nicht. Ich war total erschrocken, habe um Hilfe gerufen und dann sind nach und nach die anderen gekommen.“ Wieder entstand Gemurmel, das ihre Worte bestätigen sollte.

Zoey konnte Mackenzies Frust beinahe mit den Händen greifen, aber ihr ging es nicht anders. „Hat zumindest jemand die Polizei und einen Krankenwagen gerufen?“, fragte sie in der Hoffnung, dass die Leute nicht nur zum Gaffen gekommen waren. Eisiges Schweigen breitete sich aus, das ihr alles sagte, was sie wissen musste.

„Ich übernehme das“, sagte Mac, die ihr Handy bereits in der Hand hielt. Zoey nickte und wandte sich wieder der Leiche zu, um sie und die nähere Umgebung zu betrachten.

Als Polizei und Krankenwagen zwanzig Minuten später eintrafen, hatten sich Zoey und Mackenzie noch immer keinen Reim auf die Ereignisse machen können. Der Tote barg keine äußeren Anzeichen, was seinen Tod verursacht haben könnte. Zoey würde auf einen plötzlichen Herzinfarkt tippen, aber er wirkte keinen Tag älter als dreißig, was einen derartigen Tod eigentlich ausschloss, wenn er nicht an einem unentdeckten Herzfehler gelitten hatte. Außerdem irritierte sie das geöffnete, leere Paket, das neben der Leiche lag. Was hatte es damit auf sich? Hatte es etwas mit den Geschehnissen zu tun oder lag es aus einem unglücklichen Zufall dort?

Zoey schüttelte den Kopf. Ihre Arbeit bei der Drogenfahndung hatte ihr bewusst gemacht, dass es etwas wie Zufälle nicht gab. Vor allem nicht an einem Tatort! Sie wandte sich ihrer besten Freundin zu, die dem Detective gerade die Sachlage erklärte. „Das ist alles, was wir haben… was genau genommen gar nichts ist“, schloss Mac seufzend ihren Bericht.

„So, so.“ Der Detective, dessen Namen Zoey vergessen hatte, obwohl er sich vor kaum fünf Minuten vorgestellt hatte, betrachtete die beiden Frauen vor ihm mit offensichtlichem Argwohn. „Ihr seid hier im Urlaub – aus Kanada? – und seid bestens für die Untersuchung eines Tatortes ausgestattet, wie ich sehe.“ Er warf einen Blick auf Macs Hände. „Wer seid ihr? Möchtegern Sherlock Holmes?“, fragte er verächtlich und drehte sich zu seinen Kollegen um. „Wie nennen die sich heutzutage? Sherlockians?“ Die Polizisten brachen in Gelächter aus und Zoey konnte sehen, wie die Ader an der Schläfe ihrer besten Freundin gefährlich zu pochen begann.

„Ich bin Inspector bei der Mordkommission des Vancouver Police Department“, brachte sie zwischen zusammengepressten Zähnen hervor, „und nicht irgendein verkappter Detektiv aus dem neunzehnten Jahrhundert!“ Sie zückte ihre Dienstmarke, die sie ihm unter die Nase hielt. „Und wäre es nicht eure Aufgabe, den Tatort zu untersuchen, anstatt euch auf Kosten anderer Leute zu amüsieren?“ Mackenzies Augen funkelten zornig und Zoey musste sich auf die Lippe beißen, um sich ein Grinsen zu verkneifen. Ihre beste Freundin konnte es überhaupt nicht leiden, wenn man sie nicht ernst nahm, weil sie eine Frau war. In ihrer Anfangszeit bei der Polizei hatten sie oft mit derartigen Problemen zu kämpfen gehabt, aber mittlerweile hatten sie sich den Respekt ihrer Kollegen redlich verdient und waren Anfeindungen dieser Art nicht mehr gewohnt.

„Wir sind ganz schön empfindlich, was?“, fragte der Detective grinsend und ließ seinen Blick einmal über Mackenzies Körper gleiten, ehe er sich von ihr abwandte. „Dann lasst die Profis mal ihre Arbeit machen.“

~*~

Eine Stunde später waren die Polizisten immer noch bei ihrer sogenannten Arbeit, hatten aber nicht mehr erreicht als Zoey und Mac zuvor, obwohl sie den halben Wohnwagen auf den Kopf stellten. „Das ist lächerlich“, murmelte Zoey. „Wir sollten einfach gehen. Wir haben Urlaub und dieser Mord geht uns eigentlich überhaupt nichts an.“ Die Menschenmenge hatte sich mittlerweile fast aufgelöst, nur die Frau, die George gefunden hatte, und zwei Männer waren noch anwesend.

Mackenzie schnaubte und schüttelte den Kopf. „Wir können nicht einfach abhauen. Die sind unfähig! Seit einer halben Ewigkeit nehmen sie den Trailer auseinander, während sie das Paket kaum eines Blickes gewürdigt haben. Dabei kann ich die Löcher, die in den Deckel gestochen wurden, von hier aus sehen!“ Verzweifelt warf sie die Hände in die Luft und schüttelte missbilligend den Kopf.

„Löcher? Was für Löcher?“ Zoeys Neugier war erneut geweckt. Zuvor war ihr nichts Unauffälliges an dem Paket aufgefallen, aber langsam begann sich eine Idee zu bilden, was vorgefallen sein könnte. Sie zog erneut die Handschuhe an, stieg die Stufen zur Veranda hoch und nahm den Karton in die Hand. „Du hast Recht“, sagte sie zu Mac, als sie die kleinen Löcher entdeckte. „Sieht aus, als wären sie mit einer Stecknadel hinein gestochen.“

Mackenzie betrachtete sie mit einem Blick, als wollte sie sagen ‚Habe ich dir doch gesagt‘. „Wenn du mich fragst, würde ich sagen, dass dort ein Tier drin war. Das würde auch erklären, warum das Paket leer neben George lag.“

„Keith vermisst eine Schlange“, sagte einer der Männer hinter Zoey.

Mac und sie drehten sich gleichzeitig zu ihm um. „Bitte was?“

Der Mann schluckte sichtbar und zuckte mit den Schultern. „Keith, der Schlangenbeschwörer, vermisst eine seiner Schlangen. Einen Taipan. Als er heute Morgen seine Tiere füttern wollte, ist ihm aufgefallen, dass ein Terrarium leer ist.“

„Gehe ich recht in der Annahme, dass die Schlange aus diesem Terrarium nicht alleine raus kann?“, wollte Zoey wissen.

Der Mann schnaubte. „Natürlich nicht. Der Inland-Taipan ist die giftigste Schlange der Welt. Er hat ein gesondertes Terrarium, an dem das Schloss aufgebrochen war. Obwohl wir das komplette Zirkusgelände abgesucht haben, konnten wir keine Spur von der Schlange finden.“

Zoey glaubte ihren Ohren nicht zu trauen. „Wurde dieser Vorfall zumindest der Polizei gemeldet?“ Auch wenn sie in Australien waren, dem Land der giftigen Schlangen und Spinnen, mussten Vorfälle wie dieser sicher angegeben werden.

„Nein, wir wollten es nach der Vorstellung machen, aber dann haben wir George gefunden und bis jetzt ist mir gar nicht der Gedanke gekommen, dass diese beiden Sachen miteinander zusammenhängen könnten.“ Er schob seine Hände in die Hosentaschen und zuckte verschämt mit den Schultern.

Mackenzie fluchte leise und drehte sich zu den Rettungskräften um. „Können Sie ihn auf Bissspuren untersuchen?“, fragte sie, woraufhin sich ein Mann sogleich über George beugte und sein Hemd aufknöpfte. Es dauerte nicht lange, bis er die Frauen zu sich rief und ihnen eine Bisswunde an Georges Brust zeigte. „Eindeutig von einer Schlange“, bestätigte er.

Mackenzie murmelte etwas Unverständliches und Zoey wollte gerade zu einer Frage ansetzen, als sie eine Stimme hinter sich vernahmen. „Was ist denn hier los? Was glaubt ihr eigentlich, wer ihr seid, dass ihr einfach Beweismaterial anfasst?“ Detective Stapleton war zurück und riss Zoey das Paket aus der Hand, das sie immer noch festgehalten hatte.

Obwohl sie normalerweise ein geduldiger und verständnisvoller Mensch war, platzte ihr endgültig die Hutschnur. „Wenn Sie und Ihre Männer Ihre Arbeit ordentlich erledigen würden, hätten wir überhaupt nichts anfassen müssen. Aber Sie haben übersehen, dass Luftlöcher in den Deckel dieses Paketes gestochen wurden und haben deshalb nicht erfahren, dass der Zirkus einen Taipan vermisst, der – wie ich anmerken möchte – die giftigste Schlange der Welt ist. Stattdessen nehmen Ihre Männer den ganzen Wohnwagen auseinander, wo es vermutlich nichts als dreckige Wäsche zu finden gibt.“ Ihre Worte waren bitter und unfair, das war ihr durchaus klar, aber er hatte nichts anderes verdient.

„Etwas Dreckiges haben wir allerdings gefunden“, sagte er knapp und hielt eine Plastiktüte hoch, in der ein Stück Papier zu sehen war. „Eine nette kleine Mitteilung des Zirkusdirektors an George, er soll die Finger von seiner Frau lassen, wenn er nicht möchte, dass ihm etwas Schreckliches passiert.“ Er wandte sich den drei Zirkusmitarbeitern zu. „Weiß jemand etwas davon?“

Die angesprochenen blickten betreten zu Boden. „Es war so etwas wie ein offenes Geheimnis, dass George und Louise eine Affäre hatten, aber seit er diesen Brief vor einigen Wochen erhalten hat, hat er sich wirklich von ihr fern gehalten. Ich glaube nicht, dass Andrew etwas mit dieser Sache zu tun hat“, sagte die Frau schließlich.

„Ich will nicht wissen, was Sie glauben, sondern nur die Tatsachen hören“, entgegnete Stapleton schroff. Zoey fragte sich, wie dieser Idiot es überhaupt in einen höheren Dienstrang geschafft hatte. „Wir werden diesen Andrew Firestone zur Befragung mit aufs Revier nehmen, genauso wie den Schlangenbeschwörer. Sie scheinen unsere Hauptverdächtigen zu sein.“

„Bei allem Respekt, Sir“, ging Mackenzie dazwischen. „Genau genommen könnte jeder Angestellte im Zirkus verdächtig sein. Der Direktor hatte kein wirkliches Motiv, wenn George die Affäre bereits vor Wochen beendet hat und Keith hätte sicherlich nicht Alarm geschlagen, wenn er derjenige war, der die Schlange aus dem Terrarium entnommen hätte.“

„Ah, aber macht ihn genau das nicht erst recht verdächtig? Immerhin könnte er damit nur versucht haben, den Verdacht auf jemand anderen zu lenken – den Zirkusdirektor zum Beispiel.“ Er bedachte Mac mit einem derart eisigen Blick, der Zoeys bester Freundin die Sprache zu verschlagen schien. „Wie auch immer“, fuhr Stapleton ungerührt fort. „Wir werden die Verdächtigen zur Befragung mitnehmen und den Fall sicherlich bis morgen Abend gelöst haben.“

Zoey und Mackenzie sahen stumm dabei zu, wie die Polizei sämtliche Beweismaterialien zusammenpackte und den Rückzug antrat. Ein ungutes Gefühl breitete sich in Zoey aus. Irgendetwas stimmte hier nicht, das war mehr als offensichtlich, und es ärgerte sie, dass Stapleton diese eindeutigen Zeichen übersah – oder schlimmer noch, ignorierte. Sie war versucht ihn aufzuhalten, aber sie wusste genau, dass er ihr ohnehin nicht zuhören würde.

„Er macht einen Fehler“, seufzte Mackenzie, sobald Zoey und sie die einzigen waren, die noch vor Georges Wohnwagen standen, dessen Tür mittlerweile mit Polizeiabsperrband abgeriegelt war.

„Ich verwette meine linke Arschbacke darauf, dass weder der Zirkusdirektor noch der Schlangenbeschwörer etwas mit diesem Mord zu tun haben“, stimmte sie ihrer Freundin zu.

Mac drehte sich zu ihr um und an dem Funkeln in ihren Augen erkannte Zoey eindeutig, dass sie Lunte gerochen hatte. „Was meinst du, sollen wir unsere eigenen Nachforschungen anstellen?“

Zoey seufzte leise und nickte. Auch wenn sie Urlaub hatten, konnte sie einfach nicht mit ansehen, wie Leute zu Unrecht verhaftet wurden. „Allerdings müssen wir damit bis morgen warten, befürchte ich.“ Es war erschreckend dunkel und still auf dem Zirkusgelände geworden. Höchstwahrscheinlich würde es ihnen bei ihren Nachforschungen nicht zugutekommen, wenn sie ihre Zeugen aus den Betten rissen.

„Oder eher später“, stellte Mackenzie nach einem Blick auf ihre Uhr fest. „Wollen wir hoffen, dass sie sich dann noch genau an die Ereignisse des Tages erinnern können.“ Sie hakte sich bei ihrer Freundin unter und dirigierte sie zurück zu ihrem Hotel.

Kapitel 3

Eine Antwort zu Kapitel 2

  1. breanaschreibt schreibt:

    Und hier bin ich wieder…. *lächel*

    Auch dieses Kapitel ist Euch wieder wunderbar gelungen! Und das mit der Schlange…. grusel. Gott, ich hasse Schlangen. Aber Twist bezüglich der Affäre zwischen George und Louise finde ich wirklich, wirklich gelungen. Sehr spannend und überzeugend geschrieben.

    Ich bin wirklich total gespannt, wie die Geschichte sich wenden wird. War die Geschichte ein Beitrag zum Double Trouble Wettbewerb oder so? Ich bin mir nicht sicher, aber der Titel ist mir schon mal unter die Augen gekommen…

    Top, ihr zwei.
    Alles Liebe,

    deine/Eure Laura

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